Wien, die Stadt, die niemals schläft

11. Jänner 2008, 19:39
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In der Stadtplanung gilt es, den Weg zur 24-Stunden-Stadt zu pflastern - Planungsstadtrat Rudi Schicker setzt auf urbane Dichte

Wien – "Wien ist auf dem Weg zur 24-Stunden-Stadt", lautet eine Diagnose von Planungsstadtrat Rudi Schicker (SP) im Urbanitätsdiskurs. „In einer wissensbasierten Stadt entwickelt sich nun einmal vieles zu ungewöhnlichen Zeiten.“

Nun gilt es, auf diese Entwicklung adäquat zu reagieren. Wie das Wiener Modell einer Stadt, die niemals schläft, aussehen könnte? „Ein erster Schritt sind bereits die Nachtautobusse, der öffentliche Verkehr rund um die Uhr.“ Aber auch andere Freizeit- und Einkaufsangebote werden sich darauf einstellen müssen: „Ich gehe davon aus, dass in den großen Bahnhöfen nach ihrem Umbau die Geschäfte auch am Wochenende offen haben werden.“

Die Wiener Lebensart

Dass die Nachfrage künftig auch mehr über Einkaufsautomaten als in Geschäften abgewickelt wird, glaubt Schicker nicht: „Das entspricht nicht der Wiener Lebensart.“ Vielmehr würden „Zuwanderer schon jetzt zeigen, dass sie kein Problem damit haben, im familiären Bereich länger offen zu halten“.Es müsse aber abgesichert werden, „dass sich die Lebensqualität der Beschäftigten nicht ändert und ihre Einkommenssituation entsprechend ist“. Der jüngste „Schock der Gewerkschaften war da offenbar heilsam, weil sie bereits auch in diese Richtung nachdenken“.

Das Rückgrad für sämtliche Entwicklungen: „Wien hat den Riesenvorteil, dass es eine extrem kompakte Stadt ist“, vergleicht Schicker mit ausufernden Agglomerationen wie „die verwechselbaren Reihenhausteppiche von London“. Der Vorteil für Wien: Durch die hohe Dichte sei im Innerstädtischen „ein Strukturwandel in den Blocks möglich – und gleichzeitig gibt es genug Publikum für leistungsfähige öffentliche Verkehrsmittel“.

Im Gegensatz dazu die Gebiete jenseits der Donau, „wo es darum geht als Ergänzung zur Großzügigkeit der Einfamilien- und Reihenhaussiedlungen, Zentren anzubieten“. Seien das nun der Floridsdorfer Spitz samt Franz-Jonas-Platz, Kagran, Stadlau – oder als neue Herausforderung das Flugfeld Aspern. Genau dort solle eine kompakte Stadt mit einem umfassenden Wohn-, Arbeits-, Ausbildungs- und Infrastrukturangebot entstehen.

Pragmatische Vision

Viel wichtiger sind Schicker aber „die innerstädtischen Brachflächen“ wie Nordwestbahnhof, Nordbahnhof oder vor allem der Bahnhof Wien. „Dort können 55 Hektar Stadt mit Wohnen, Arbeit und Ausbildung entstehen. Seine urbane Vision für diesen Stadtteil ist eine höchst pragmatische: „Mein Ziel ist es, dass man in 30 Jahren nicht mehr erkennen kann, dass dort einmal eine gewaltige städtebauliche Barriere war.“

Ein Grundsatz Schickers: „Im Innerstädtischen ist bei den schmalen Straßenquerschnitten das öffentliche Verkehrsmittel die bessere Wahl.“ Aber auch die Stadtentwicklung weiter draußen müsse beim „öffentlichen Hochleistungsverkehr“ stattfinden. „Das Auto ist zwar ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sollte aber in der Stadt nicht permanent benützt werden müssen.“ Abgesehen von der Umweltproblematik sei vor allem das Raumproblem schlagend. „Daher finde ich das Konzept der Sammelgaragen vernünftig, das schafft Platz im öffentlichen Raum.“

Für die weitere Entwicklung einer „hochwertigen Ökonomie“ müsse die Stadt vor allem Vernetzungsmöglichkeiten mit und innerhalb der Wissenschaft forcieren. „Wissen und Wissenschaft finden nicht mehr im Elfenbeinturm statt sondern sie brauchen Interaktivität und Vernetzung. Nicht nur virtuell, sondern auch durch direkte Kontaktmöglichkeiten.“

Der gordische Knoten

Dabei hat gerade die Technische Universität kürzlich erst das Angebot abgeschlagen, einen neuen kompakten Standort in Aspern zu entwickeln und will die Institute innerstädtisch verteilt belassen. „Im derzeitige Transformationsprozess der Universitäten wäre eine Standortverlegtung tödlich“, bemüht sich Schicker um Verständnis. „Das Problem ist, dass es noch keinen Entscheidungspfad gab, aber eine Frist gesetzt wurde. Da wurde der gordische Knoten durchschlagen – und jetzt gibt‘s nichts, außer ein paar ab‘gschnittene Schnürln.“ (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 29.09.2006)

  • Der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker wünscht sich für den neuen Hauptbahnhof, "dass man in 30 Jahren nicht mehr erkennen kann, dass dort einmal eine gewaltige städtebauliche Barriere war"
    bild: hotz/hoffmann, wimmer

    Der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker wünscht sich für den neuen Hauptbahnhof, "dass man in 30 Jahren nicht mehr erkennen kann, dass dort einmal eine gewaltige städtebauliche Barriere war"

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