Jospin wirft das Handtuch

5. Oktober 2006, 19:29
posten

Sozialistischer Ex-Premier verzichtet auf Präsidentschafts­kandidatur - Sowohl Strauss-Kahn als auch Fabius dürften nun Morgenluft wittern

Lionel Jospin bleibt sich treu. "Ich habe die gescheiteste Lösung gewählt", meinte der französische Ex-Premier nach seiner Entscheidung, nicht für die Präsidentschaft 2007 zu kandidieren, unbescheiden und luzid wie immer. Er habe lange gezögert, aber: "Weil ich nicht einen kann, will ich auch nicht spalten."

In Meinungsumfragen ist Jospin in letzter Zeit weit hinter dem Politstar der Sozialistischen Partei, Ségolène Royal, zurückgeblieben und hat sich die Position noch mit SP-Kandidaten wie Ex-Premier Laurent Fabius, Ex-Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn oder Ex-Kulturminister Jack Lang teilen müssen.

Verlierer-Image

Der 69-jährige Sozialist Jospin hatte sich 2002 im Zorn aus der Politik verabschiedet, als er die Präsidentschaftswahlen verpatzte und den Einzug in den zweiten Durchgang sensationell dem Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen überlassen musste. In der Folge zeigte sich immer wieder, wie sehr es den "homo politicus" in Jospin juckte, in die Arena zurückzukehren. Es gelang ihm nicht.

Selbst die SP-Mitglieder glauben nicht mehr daran, dass Jospin 2007 das Verlierer-Image abstreifen und überzeugend einen politischen Erneuerungskurs vertreten könnte. Denn Frankreich will nach den langen Jahren unter Noch-Präsident Jacques Chirac einen wirklichen Neuanfang. Auch aus diesem Grund liegt Royal bei der Linken vorn und predigt der rechte Innenminister Nicolas Sarkozy den politischen "Bruch" mit der Vergangenheit.

Jospins zweiter und wohl endgültiger Abgang von der Politbühne ist umso bemerkenswerter, als unter Pariser Politikern ein ehernes Prinzip gilt: Verzichte nie. Aus diesem Grund stehen die SP-Kandidaten auch ohne Jospin Schlange um die Kandidatur. Sie müssen ihre Bewerbung bis Mitte nächster Woche einreichen. Ségolène Royal hat bereits zugesagt, Strauss-Kahn dürfte am Samstag folgen, ebenso Fabius. Neben Lang könnten auch die Ex-Minister Bernard Kouchner oder Martine Aubry kandidieren. Fraglich bleibt, ob François Hollande ins Rennen geht: Royals Lebensgefährte und SP-Chef.

Sowohl Strauss-Kahn als auch Fabius dürften durch Jospins Abgang nun Morgenluft wittern. Jeder der zwei Parteibarone rechnet sich Chancen aus, in die interne Stichwahl gegen Royal zu gelangen. Auch ohne Jospin bleibt der Ausgang offen. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Am Ende der Polit-Karriere: Lionel Jospin.

Share if you care.