Metropole, Landschaft und Primitivismus

5. Oktober 2006, 20:53
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Deutsche Expressionisten im Leopold Museum

Wien – Das Leopold Museum im Wiener Museumsquartier feiert seinen fünften Geburtstag mit einer Ausstellung zum Thema "Deutscher Expressionismus" – mit Werken aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza, 130 Ölbildern, Grafiken und Skulpturen von den Anfängen der Gruppe "Blauer Reiter" mit Wassily Kandinsky über die "Brücke"-Künstler mit Ernst Ludwig Kirchner, bis zu George Grosz und Max Beckmann.

Die Jubiläumsschau bietet einen umfassenden Einblick in die Entwicklung des Expressionismus in Deutschland. Selbstredend wird auch der programmatisch wesentliche Almanach Der Blaue Reiter im Original ausgestellt – zusammen mit Gemälden von Franz Marc, Alexej Jawlensky und Impressionen und Improvisationen von Wassily Kandinsky.

Im Juni 1905 wurde die expressionistische Künstlergruppe „Die Brücke“ in Dresden von den Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet. Das Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner ist in der aktuellen Schau prominent vertreten: etwa mit seinem bekanntesten Porträt Fränzi vor geschnitztem Stuhl und wichtigen grafischen Arbeiten. Gemälde und Holzschnitte von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde illustrieren im der Gegenüberstellung mit Skulpturen afrikanischen und ozeanischen Ursprungs das Thema "Primitivismus". Die Bandbreite expressionistischer Skulptur wird beispielhaft an Wilhelm Lehmbrucks Hauptwerk Große Knieende, Ernst Barlachs Rächer und Werken von Käthe Kollwitz vorgestellt.

Ein zentrales Motiv der Brücke-Maler war die Landschaft. Das illustrieren im Leopold Museum etwa Ernst Ludwig Kirchners Runde Bucht von 1914, oder Emil Noldes Herbstmeer XIX von 1911. Daneben war die Großstadt ebenso Motiv wie Folie zur Sozialkritik. Berühmt geworden sind die Berliner Straßenszenen Ernst Ludwig Kirchners. Die sozialen Missstände nach dem Ersten Weltkrieg wurden vor allem von George Grosz und Otto Dix aufgegriffen und drastisch dargestellt, wobei Grosz’ Gemälde "Straßenszene (Kurfürstendamm)" aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza von zentraler Bedeutung ist.

Die individuelle Vereinsamung in der Großstadt steht in den Arbeiten von Conrad Felixmüller, Jeanne Mammen und Max Beckmann immer wieder der Vergnügungssucht in den Varietés und Bordellen gegenüber. Gerade hier verlaufen die Grenzen zwischen Expressionismus und neuer Sachlichkeit fließend.

Spätwerke von Max Beckmann, wie das Gemälde Vor dem Kostümfest, bezeichnen im Rahmen der Ausstellung den Endpunkt dessen, was im in der Kategorie "Deutscher Expressionismus" zusammengefasst wird. Die Schau in der bestbesuchten Institution im Museumsquartier ist bis zum 10. Jänner geöffnet. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.9.2006)

  • Derzeit im Leopold Museum: Georg Grosz' "Straßenszene" aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza
    foto: leopold museum

    Derzeit im Leopold Museum: Georg Grosz' "Straßenszene" aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza

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