Kunsthistorisches Museum: Nach wie vor rätselhafte Sphinx

5. Oktober 2006, 23:09
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Grüner Zinggl bezweifelt saubere Provenienz von Seipels Ankauf

1998 kaufte Wilfried Seipel, Chef des KHM, unter fragwürdigen Umständen eine Sphinx-Skulptur. Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, recherchierte den Fall weiter: Er spricht unter anderem von einem überteuerten Preis.


Wien – Am 29. Mai 2004 berichtete der STANDARD exklusiv über die Kritik des Rechnungshofs an Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums, der von José Malleu Coll 1998 eine Sphinx angekauft hatte. Seither beschäftigt sich Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen, mit dem Fall.

Sein Resümee: "Die unwahrscheinlichste Hypothese ist, dass die Provenienz sauber ist. Die Person Malleu Coll, die Umgehung des seriösen Kunsthandels, der Verkauf im Stillen, ohne den Versuch einer Versteigerung, sprechen dagegen. Es spricht auch dagegen, dass die Sphinx nie groß präsentiert wurde: nicht auf der KHM-Homepage, nicht im Jahresbericht oder im Kunstbericht. Dazu passt, dass Seipel bei der Wiedereröffnung der ägyptischen Sammlung 2001 kein Wort über die Sphinx verlor, obwohl sie für diese erworben wurde." Es handelt sich dabei um eine ca. 80 cm große Statue aus Kalkstein, die Pharao Amenophis III. (etwa 1396 bis 1334 v. Chr.) darstellt. Diese Sphinx dürfte nie in einem Tempel aufgestellt gewesen, sondern unvollendet in der Werkstatt geblieben sein. Zinggl konnte "keine einzige wissenschaftliche Arbeit zur Sphinx" ausfindig machen.

Die Skulptur war bereits im Mai 1996 Helmut Satzinger, damals Direktor der Sammlung, zum Kauf angeboten worden – laut Seipel "vom rechtmäßigen Eigentümer, einem spanischen Staatsbürger". Er heißt José Malleu Coll. Besichtigt wurde die Skulptur in einem Münchner Hotelzimmer. Für den Ankauf fehlte aber das Geld.

Seipel: "1998 wurde die Skulptur zur neuerlichen Begutachtung vom Eigentümer nach Wien gebracht, wobei der Transport in einem Klein-Lkw durch den Eigentümer selbst erfolgt ist. In Erwartung der Neueröffnung der Sammlung entschloss sich die Generaldirektion zu einem Ratenankauf."

Zu einem Ratenkauf war Seipel nicht ermächtigt, was er gegenüber dem Standard eingestand: "Zwei Monate später, nach der Ausgliederung (des KHM, Anm.), wäre der Vertrag rechtmäßig gewesen. Aber da wäre das Objekt bereits an ein anderes Museum gegangen." Auf Nachfrage schrieb er: "Wie unschwer durch Recherchen bei Herrn José Malleu Coll in Erfahrung zu bringen wäre", hätten sich u.a. das Miho Museum (Japan) und das Royal Ontario Museum in Toronto (Kanada) für das Objekt interessiert. Zinggl wollte dies bei Malleu Coll in Erfahrung bringen – ohne Erfolg. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hatte beteuert, dass der Verkäufer auf Mallorca eine "Galerie" besitze, "die auf antike Kunstgegenstände spezialisiert ist". Und Seipel sagte, dass dieser "ein befugter Kunsthändler" sei. Treffpunkt Kultur hingegen berichtete, dass der Händler auch "Hemden, Pizzas und Waren aller Art" verkaufe.

Herrenwäschegeschäft

Laut Gehrer ist der Verkäufer die Firma Golma (Compray y Venta de Antigiudades) des José Malleu Coll in der Parellada, 8 Pp11, Palma de Mallorca. Zinggl ging den Angaben nach: "Laut Firmenbuch gibt es keine Firma Golma in Mallorca. José Malleu Coll ist nur einmal vermerkt – als einer der zwei Verwalter der Firma Nima SA. Sie besitzt und verwaltet ein Landhaus." Die Parellada ist die Wohnadresse von Malleu Coll. Die von Gehrer angegebene Telefonnummer hingegen führt in die Sant Nicolau Nr. 11. Und dort befindet sich das Herrenwäschegeschäft von Malleu Coll.

Zudem stieß er auf einen interessanten Hinweis: "Im Boletin Oficial de los Islas Baleares vom 31. März 2005 wird Malleu Coll aufgefordert, als Beschuldigter vor Gericht zu erscheinen. Die Ladung erfolgte im Amtsblatt, da er unbekannten Aufenthalts war. Alles in allem scheint er nicht ein Mann zu sein, der eine Antiquität im Wert von 3,8 Millionen Dollar verkauft."

Um sicher zu gehen, kontaktierte Zinggl mehrere auf altägyptische Kunst spezialisierte Händler. Aber allen, darunter Rupert Wace, ist José Malleu Coll unbekannt: "Ich habe noch nie von ihm gehört. Wir sind im Kunsthandel seit vielen Jahren tätig und kennen die meisten Händler." Zinggl verdächtigt Malleu Coll daher, auf dubiose Weise in den Besitz der Skulptur gekommen zu sein (wobei für diesen die Unschuldsvermutung gilt). Seipel hingegen will keine Zweifel gehegt haben: "Das Geschäft über den Ankauf wurde unter Berücksichtigung der Sorgfaltspflicht eines ordentlichen Geschäftsmannes abgewickelt."

Und so wurde die Skulptur erworben. In der Folge reduzierte Malleu Coll den Kaufpreis auf 3,45 Millionen, was Zinggl wundert, "da am Objekt angeblich auch andere interessiert waren. Dennoch muss der Kaufpreis als außergewöhnlich hoch bezeichnet werden. Im Dezember 2005 wurde bei Christie's eine seltene ägyptische Figurengruppe, 36 cm hoch, aus der 5. Dynastie (also noch tausend Jahre älter) versteigert. Dabei wurde mit 2,8 Millionen Dollar ein Rekordpreis für eine ägyptische Antiquität erzielt."

Zinggl fragte bei einem renommierten Auktionshaus nach, ob er die Sphinx, wenn jemand 3,45 Millionen Dollar zahle, verkaufen solle. Man empfahl ihm dies, da eine Auktion nur 800.000 bis 1,2 Millionen Dollar brächte. Und Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, habe ihm mitgeteilt, dass die Skulptur maximal 500.000 Euro Wert sei.

Trotz vielfacher Bemühungen konnte Zinggl die Provenienz nicht eruieren. Satzinger schrieb 1996: "Gemäß Herrn Malleu befinde sich die Sphinx seit sehr langer Zeit in Spanien; er selber habe sie vor etwas mehr als zwanzig Jahren von einem Landsmann gekauft." Gehrer schrieb 2004: "Laut Auskunft des Händlers war die Sphinx-Skulptur in spanischem Privatbesitz." Am 15. März 2005 gab Seipel bekannt: "Das Objekt stand im Eigentum eines Spaniers, hat sich aber de facto nie in Spanien befunden, sondern war immer in Deutschland gelagert." Am 19. Mai 2005 schrieb Gehrer: "In den 1950er-Jahren wurde dieses Objekt nach Deutschland verkauft."

Spur nach Messina?

Zuvor sei die Sphinx in Italien gewesen: "Das KHM ist im Besitz eines notariell beglaubigten Schreibens des Marquis Emilio Bosurgi vom 7. September 1956, in dem dieser bestätigt, dass die Skulptur seit zwei Generationen im Besitz seiner Familie in Messina, Villa Pace in Italien war."

Auch diesem Hinweis ging Zinggl nach: "Die Villa Pace, früher Wohnsitz der Familie Bosurgi, kam vor einigen Jahren in den Besitz der Universität von Messina. Die Bosurgis hatten in der Zwischenkriegszeit einige berühmte Fotografen beauftragt, Bilder ihres Wohnhauses zu machen. Die Sphinx wurde nicht fotografiert. Und keiner kann sich an sie erinnern." (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.9.2006)

---> Zinggl hofft auf Rechnungshof

Zinggl hofft auf Rechnungshof

Wien - Der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, hofft, dass sich der Rechnungshof des Falls der 1998 durch das Kunsthistorische Museum Wien (KHM) angekauften Skulptur annimmt und eine unabhängige Schätzung vornehmen lässt, um den tatsächlichen Wert der Skulptur zu bestimmen. Nur so sei es möglich, festzustellen, ob tatsächlich kein überhöhter Preis dafür gezahlt wurde.

Die von KHM-Direktor Wilfried Seipel gegenüber der APA erwähnte Unbedenklichkeitserklärung seitens der ägyptischen Behörden habe "noch niemand zu Gesicht bekommen", so Zinggl in einer Aussendung. Außerdem beweise sie nichts. (APA)

  • Gibt nach wie vor Rätsel auf: die zirka 80 cm große Statue aus Kalkstein des Pharao Amenophis III.
    foto: barbara macek

    Gibt nach wie vor Rätsel auf: die zirka 80 cm große Statue aus Kalkstein des Pharao Amenophis III.

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