Wenn bei Kindern die "Sicherungen durchbrennen"

9. März 2007, 10:25
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Schulpsychologin: Oft nur geringe Hemmschwelle bis zur "Explosion"

Wien - Warum jener achtjährige Bub, der in seiner Wiener Volksschule am Mittwoch auf eine Direktorin, Lehrerin, Polizisten und Rettungskräfte losging, derart ausrastete und auch Möbel demolierte, war für die Pädagogen in der Schule nicht nachvollziehbar. Kinder haben oft eine geringe Hemmschwelle bis zur Explosion, erklärte Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie beim Stadtschulrat in Wien, im Gespräch mit der APA. Kommen auch noch Fehler bei der Erziehung dazu, können leicht die "Sicherungen durchbrennen", sagte sie.

Hilfe holen

Ein tobendes Kind steigert sich immer mehr in seine Situation hinein und kann letztlich sich selbst und andere verletzten, meinte die Psychologin. Die Verantwortlichen in der Meidlinger Volksschule in der Bischoffgasse hätten richtig reagiert, so die Expertin. Wenn ein Kind in diesem Ausmaß tobt und sich mit Zureden und Ablenken nicht mehr beruhigen lässt, müsse man Hilfe holen. Rettungskräfte wissen, wie sie ein Kind ruhig halten können, meinte die Psychologin. Es habe sich hier allerdings um einen Extremfall gehandelt. Das müsse nicht passieren, wenn sich ein Kind nur trotzig auf den Boden werfe, sagte sie. Ursachen für ein solches Ausrasten bei Kids gebe es viele - etwa wenn ihnen von klein auf nicht beigebracht worden ist, Grenzen und Regeln anzuerkennen. Aber auch eine zu autoritäre Erziehung, bei der das Kind nur Anordnungen ohne Erklärungen erhalten hat, könnte Grund für einen Zwischenfall sein. Bekommen Kinder über lange Zeit nicht die Möglichkeit, Gefühle auszusprechen, seien solche Reaktionen ebenfalls möglich. Schließlich könnten auch Fehlfunktionen im Gehirn einen "Kurzschluss" auslösen.

Plötzliche Ausraster

Der betroffene Bub wurde von seinen Lehrerinnen als "schwierig, aber nicht aggressiv" beschrieben. Auch mehr oder weniger unauffällige Kinder, Zurückgezogene, Außenseiter und Jugendliche, die scheinbar keine Regungen zeigen, können plötzlich ausrasten, meint die Expertin. Ein solch extremer Fall wurde der Wiener Schulpsychologin im Jahr 2006 bisher einmal gemeldet: Ein Volksschüler hatte einen Mitschüler im Frühsommer mit einer Schere attackiert und ihn am Finger schwer verletzt. "Damit hat man damals auch nicht gerechnet", sagte Zeman. Eine Zunahme bei ausrastenden Kids habe man jedoch nicht bemerkt. Dass viele Kinder "soziale Probleme im Miteinander" haben - beispielsweise "ordinär zu schimpfen beginnen" oder "keine Hemmungen vor einer Rauferei" haben - trete seit einiger Zeit jedoch vermehrt auf, so die Psychologin. (APA)

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