Poeten im Weinkeller

5. Oktober 2006, 23:05
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Charmanter Schabernack: Das Projekt "Box Codax" des Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy

Besser eine b'soffene G'schicht als gar nichts zu erzählen. Das dürften sich Nick McCarthy und sein Kumpel Alex Ragnew gedacht haben, die gerade als Box Codax das Album Only An Orchard Away veröffentlicht haben, das man als charmanten Schabernack bezeichnen kann. Möglicherweise ist den beiden das jetzt auch schon ein wenig unangenehm, denn auf allen der Presse zur Verfügung gestellten Fotos wenden sie ihre Gesichter ab und lassen sich nur von hinten fotografieren. Dabei ist das Nicht-erkannt-werden-Wollen bei zumindest einem der beiden sinnlos: Nick McCarthy ist nämlich weltberühmt. Er ist Gitarrist und ein musikalischer Kopf von Franz Ferdinand.

Über Alex Ragnew heißt es, er sei ein im französischen Toulouse lebender "Poet". Aha. Das Klischee vom Bohemien in Frankreich schlägt sich dann auch im relativ stark breitseitigen Song Do It With Charm nieder, den ein Akkordeon oder ein auf Akkordeon gestellter Synthesizer einschlägig untermalt, während die an einen betrunkenen Adam Green erinnernde Stimme Weisheiten wie "The harder you fall, the harder you hit" absondert.

Das liest sich bis hierher vielleicht nicht besonders verführerisch, dieses gerade einmal eine halbe Stunde lang dauernde Werk ist aber zutiefst sympathisch. Einmal, weil sofort klar wird, dass sich hier jemand nicht um den eigenen Ruf oder die Ehre schert. Die präsentierten Songs sind allesamt auf der Basis von billiger Elektronik entworfen, zu denen McCarthy trashige Gitarrenriffs aus der klebrigen Low-Fi-Küche beisteuert und als einst in München lebender Schotte ein Kauderwelsch aus Fantasiedeutsch und eben Englisch brabbelt.

Das erinnert in seiner (früh-)kindlichen Spielfreude an die Platten, die der frühe Beck auf dem Independent-Label Bongload veröffentlicht hat - etwa das wahnwitzige Stereopathetic Soulmanure. Da wie dort klingt kein Song wie die anderen. Trotzdem zerbröselt das Album nicht in tausend Teile, sondern lässt sich als geschlossenes Werk hören und genießen. Führt es doch sehr überzeugend vor, dass all die Alternative-Music-Streber da draußen, die mit ihren öden, stromlinienförmigen Platten, mit denen sie sich an öde Märkte andienen, jetzt schon verloren haben. Die charmante Blödheit von Box Codax vermittelt nicht nur künstlerische Integrität, sie besticht auch durch einen Ideenreichtum, den man sonst nur dem hier möglicherweise auch Pate stehenden neuseeländischen Low-Fi-Gott Chris Knox nachsagen kann.

Only An Orchard Away ist also nicht nur lustig, sondern tatsächlich auch sehr gut. Und von dem Red Wine In Tunis, von dem im letzten Song gelallt wird, von dem möchte man gerne einen ganzen Keller voll. Santé! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.9.2006)

  • Box Codax: Only An Orchard Away (Gomma Records/Soul Seduction)
    foto: gomma records

    Box Codax: Only An Orchard Away (Gomma Records/Soul Seduction)

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