Muslimische Verbände verurteilen Oper-Absetzung

2. Oktober 2006, 15:34
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Milli-Görüs-Generalsekretär verteidigt künstlerische Freiheit - Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt: Aufführung hätte Folgen für nationale Interessen Deutschlands gehabt

Frankfurt/Main - Mehrere muslimische Verbände und Islam-Experten haben die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" in Berlin am Mittwoch verurteilt. Der Generalsekretär der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, Oguz Ücüncü, sagte der Zeitung "Die Welt" (Donnerstagausgabe), Religionskritik auf Opernbühnen müsse jede Religion aushalten. Er halte zwar persönlich von der Inszenierung nicht viel, weil die Originalfassung keinen Bezug zu Buddha, Jesus und Mohammed erkennbar mache.

"Aber in die künstlerische Freiheit ist nicht hineinzureden", wurde Ücüncü zitiert. Die als islamistisch geltende Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Auseinandersetzung verhindert

Der Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagte im ARD-"Nachtmagazin", die Absetzung verhindere die Auseinandersetzung mit dem Stück. Die Entscheidung sei "weniger ein Kniefall vor religiösen Eiferern als ein Kniefall vor Sicherheitsbehörden". Er glaube nicht, dass dies der richtige Weg sei.

Der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, sagte der "Frankfurter Rundschau" (Donnerstagsausgabe), die Entscheidung der Deutschen Oper schade den Muslimen in Deutschland. Sie stünden jetzt wieder zu Unrecht als intolerant da, obwohl ohne die Absetzung kaum einer von ihnen was von der Inszenierung erfahren hätte.

"Kunst ist frei"

Sen kritisierte den Vorsitzenden des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Ali Kizilkaya, der die Absetzung begrüßt hatte, weil sie religiöse Gefühle verletze. Für derlei Auffassungen sei im 21. Jahrhundert "kein Platz mehr, denn die Kunst ist frei", sagte er der Zeitung zufolge. Bei möglichen Gefährdungen durch die "Idomeneo"-Inszenierung wäre es Aufgabe der Polizei gewesen, für entsprechenden Schutz zu sorgen.

Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt begrüßt Absetzung

Anders lautete die Argumentation des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt der Universität Mainz. Das begrüßte die Absetzung der Oper ausdrücklich. Die breite Kritik an dieser Entscheidung lasse völlig außer Acht, welche Folgen die Aufführung des Werkes für die nationalen Interessen Deutschlands im Ausland haben könnte, teilte Zentrumsleiter Günter Meyer am Mittwoch mit. Die Deutsche Oper in Berlin hatte die Inszenierung, in der König Idomeneo neben Jesus, Buddha und Poseidon auch den abgeschlagenen Kopf von Mohammed präsentiert, aus Furcht vor islamistischen Anfeindungen abgesetzt.

Nachdem die Stimmung der Muslime weltweit wegen der "gezielten politischen Provokation" durch die Mohammed-Karikaturen und das "unangemessene Zitat eines deutschen Papstes" ohnehin schon höchst sensibilisiert sei gegenüber islamfeindlichen Darstellungen, hätte die Aufführung von "Idomeneo" verheerende Folgen, sagte Meyer. Die Präsentation des abgeschlagenen Kopfes des Propheten Mohammed auf einer deutschen Bühne "wäre in dieser aufgeheizten Atmosphäre eine Steilvorlage für islamistische Scharfmacher in der ganzen Welt".

Angesichts der Erfahrungen in Dänemark mit dem Karikaturenstreit wäre der Flurschaden für das Ansehen der Bundesrepublik enorm. Durchaus realistisch erscheint nach Einschätzung des Professors für Wirtschaftsgeographie, dass es zu einem Boykott deutscher Waren käme - mit gravierenden Folgen für den deutschen Export und die hiesigen Arbeitsplätze. Auch für die deutsche Kulturpolitik im Ausland gäbe es einen enormen Rückschlag. "Ganz zu schweigen von möglichen Anfeindungen und Verschlechterung der Lebensbedingungen von Hunderttausenden von Deutschen, die in der islamischen Welt leben und arbeiten", meinte Meyer. (APA)

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