Appetit auf neue Räume der Musik: Christoph Lieben-Seutter im Gespräch

5. Oktober 2006, 23:05
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Der Konzerthaus-Chef wechselt nach Ende dieser Saison nach Hamburg, um dort die "Elbphilharmonie" aufzubauen

Wien - Seit Montag sind die Programmschleusen zur neuen Konzerthaus-Saison wieder hochgefahren. Und nicht minder üppig, wie sich die Musik aller Stile und aller Besetzungen von den Podien der diversen Säle in die Auditorien ergießt, sind Letztere auch - egal, was gespielt wird, - von Zuhörern dicht besetzt.

Seit zehn Jahren steuert Christoph Lieben-Seutter als Generalsekretär des Konzerthauses diese einander beinah ideal ergänzenden Ströme. Diesmal allerdings zum letzten Mal. Denn im nächsten Sommer geht's dann nach Hamburg, wo man den 42-jährigen zum Generalintendanten eines ultimativen Konzertgebäudes, der so genannten "Elbphilharmonie", gekürt hat. Zwar gibt es dieses zunächst nur auf dem Papier und als Modell des schweizerischen Architekturbüros Herzog & de Meuron. Doch im Jänner kommenden Jahres will man zu bauen beginnen.

Dass dieses Prestigeprojekt 186 Millionen Euro kosten soll, stört die honorigen Hanseaten nur wenig. Immerhin erwarten Hamburgs Stadtväter und spendierfreudige Großbürger, dass diese "Elbphilharmonie", wenn sie dann an der Spitze des Dalmannkais im Herbst 2009 in Betrieb geht, für die Hansestadt ein ähnliches Wahrzeichen wird wie das architektonisch extravagante Opernhaus für Sydney.

Was in den beiden Sälen, von denen der eine 2200 Personen, der andere 600 fasst, erklingen soll, ist im Moment noch nicht die vordringlichste Sorge des Gründungsintendanten. Doch eines ist ihm klar: Ein so paradiesisches Publikum, wie es die Wiener sind, wartet in Hamburg wohl nicht auf ihn. Ob "Wien modern", ob Resonanzen, die Leute strömen.

Ansonsten findet Lieben-Seutter die Wiener Situation rundum ja nicht nur paradiesisch. In mancher Hinsicht sogar so wenig paradiesisch, dass er nicht ausschließt, wenn er nächsten Sommer dann wirklich geht, zum Abschied noch einmal recht deutlich zu werden. Was ihn nämlich stört, ist eine Schuldenlast von 6,4 Millionen Euro. Pikanter Weise bei der Bawag, die sich laut Lieben-Seutter übrigens als sehr kulanter Gläubiger erwiesen hat.

Die Schulden

Ergeben hat sich diese Schuldenlast durch die Restaurierung sowie den Um- und Ausbau des Konzerthauses, deren Kosten den Voranschlag dramatisch überstiegen haben. Dieser von der in anderen Fällen ziemlich freigebigen öffentlichen Hand seit Jahren unbedeckte Schuldenstand schmälert Lieben-Seutters operatives Budget jährlich um 500.000 Euro, die für den Zinsendienst aufgehen.

Mit lächelnder Resignation weiß er zu berichten, dass ihm die zuständigen Politiker, wenn er in dieser Angelegenheit vorstellig wird, alle sehr freundlich zuhören, ihn dann aber nicht minder höflich unverrichteter Dinge wieder verabschieden. Da stellt sich dann freilich die Frage, was es denn ist, dass man einen solchen Job überhaupt machen möchte. Denn das Anforderungsprofil für einen Konzerthaus-Chef hat sich in den zehn Jahren, die Lieben-Seutter nun im Amt ist, grundlegend geändert. Als er gekürt wurde, sah er seine Aufgabe eigentlich in nichts anderem als in der Erstellung eines attraktiven Programms. Heute bilden inhaltliche Überlegungen nur einen marginalen Teil seiner Arbeitszeit. Die Position eines programmverantwortlichen Konzerthaus-Generalsekretärs ist zu der eines General Managers mutiert.

Zu dessen Agenden zählt freilich auch das heute für jeden, der sich in einer künstlerischen Führungsposition befindet, obligatorische Gebettel um Sponsorgelder. In dieser Hinsicht verweigert sich Lieben-Seutter bei aller Einsicht in die Wichtigkeit von derlei Aktivitäten nachhaltig der Funktion eines von Party zu Party eilenden Society-Kasperls. Wie seine Erfahrung lehrt, kann man ganz ohne gesellschaftliche Unterwürfigkeit auch mit einem guten Programm überzeugen.

Dazu bedarf es allerdings eines so universellen Zugangs zu seiner Tätigkeit, wie Lieben-Seutter ihn hat. Er will mit seinen Programmen den Leuten "einfach Freude machen". Ist Musik doch für ihn jene Kunst, die den Menschen unmittelbar in seinem Innersten erfasst. Ein Erfolgsrezept, das wohl auch in Hamburg aufgehen wird. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.9.2006)

ZUR PERSON: Christoph Lieben-Seutter (geb. 1964) war ab 1988 im Konzerthaus Assistent von Alexander Pereira, wechselte ans Opernhaus Zürich und übernahm dann das Konzerthaus.
  • Kann sich über Publikumsmangel nicht beklagen, höchstens über Geldmangel - Christoph Lieben-Seutter.
    foto: standard/hendrich

    Kann sich über Publikumsmangel nicht beklagen, höchstens über Geldmangel - Christoph Lieben-Seutter.

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