Kopf des Tages: Sprengmeister mit weichem Kunstherzen

2. Oktober 2006, 15:32
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Hans Neuenfels' Berliner "Idomeneo" wurde vorsorglich abgesetzt

Vor rund drei, vier Jahrzehnten durfte sich das deutschsprachige Theater noch als Antriebsmotor der Aufklärung fühlen: In seinen beheizten Probierstuben wurden Erkenntnisblitze gezündet, mit denen man philiströs verstockte Bürger blenden und verlässlich zu Unmutsäußerungen hinreißen konnte. Erlaubt war (und ist), was der Trägheit der Herzen abhilft. Mit Stücken und Opern lässt sich buchstäblich alles machen - solange die auf der Bühne lancierten Einsichten nur schmerzlich genug sind.

Dem gebürtigen Krefelder und Regisseur Hans Neuenfels (65) vorzuwerfen, er errege mit seiner rein zahlenmäßig unüberschaubaren Bühnenarbeit "Skandale", führt zu nichts: Wenn er in einer Ber-liner Idomeneo-Inszenierung den monotheistischen Religionsführern die Köpfe abschlagen lässt, so versucht er den Blick freizuräumen - er nimmt einen Humanitätsbegriff ins Visier, der im Gegensatz zu allen religiösen Transzendenzangeboten auf die innerweltliche Friedfertigkeit unserer geselligen Anlagen vertraut.

Neuenfels absolvierte das Wiener Max-Reinhardt-Seminar - wo er auch seine Kollegin, Muse und spätere Gemahlin Elisabeth Trissenaar kennen lernte. Der junge Mann fungierte während eines Parisaufenthalts als Privatsekretär des Surrealisten Max Ernst, und noch viele Jahre später erzählte er von der ihn ungebrochen faszinierenden Begegnung mit dem großen Dichter-"Verbrecher" Jean Genet.

Schon im idyllischen Trier eckte Neuenfels 1965 als Oberspielleiter mit Happenings und Flugzetteln an ("Helfen Sie mit, den Trierer Dom abzureißen?"). Seine symbolisch hoch aufgeladene Bühnensprache beschied ihm beispiellose Erfolge und Skan-dale - etwa am Frankfurter Schauspiel und ab 1974 auch an diversen Opernhäusern. Seine Frankfurter Aida, 1981 als "Archäologie des Unbewussten" in Szene gesetzt, vereinte auf sich Schmähungen und eine - wenn auch bloß fingierte - Bombendrohung.

Als Zündmeister der großteils "versteckten" Explosivgehalte in altehrwürdigen Werken ist Neuenfels mit dem deutschen Stadttheater mitgealtert. Man vergisst darüber leicht, dass der raustimmige Berserker ein durchaus bürgerlicher Schöngeist ist, der gehaltvolle Rotweine schätzt und über seiner lebenslangen Liebe zum preußischen Feuerkopf Heinrich von Kleist in andächtiger Bewunderung erstrahlt. Der Vater des Kameramanns Benedict Neuenfels schreibt Prosabücher von eminenter Sprachgewalt - und erholt sich von seinen Bühnenexzessen im Salzkammergut.

In Neuenfels versammeln sich somit die entscheidenden Produktivkräfte der künstlerischen Moderne: eine fast religiös anmutende Kunstfrömmigkeit - und ein ethisches Bewusstsein, mit dem man in Globalisierungstagen nicht mehr ohne Weiteres punktet. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Print, 28.9.2006)

  • Hans Neuenfels
    foto: standard/votava

    Hans Neuenfels

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