Schweitzer: "Damit muss ich leben"

5. Oktober 2006, 13:55
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Kritik an Westenthaler, Gehrer - Der Sportstaatssekretär und frühere Turnlehrer im STANDARD-Interview

STANDARD: Wenn Sie Bilanz ziehen über Ihre Tätigkeit, was steht auf der Haben- und was auf der Soll-Seite?

Karl Schweitzer: Es blieb fast kein Stein auf dem anderen. Wir haben neue Voraussetzungen für den Spitzensport geschaffen, Top-Sport-Austria sorgt für einen transparenteren, unbürokratischen Fördervorgang. Früher war Förderung mit jährlich 36 Millionen Euro gedeckelt. Durch die Änderung des Glücksspielmonopolgesetzes fiel die Deckelung weg, 2007 werden es 72 Millionen Euro.

STANDARD: Und doch fällt auf, dass Sportarten wie Leichtathletik und Rudern, in denen Österreich vor Jahren überaus erfolgreich war, jetzt gar keine Rolle mehr spielen.

Schweitzer: Es besteht da und dort Verbesserungsbedarf. Aber dafür gibt's andere Verbände, die professionell und gut mit uns zusammenarbeiten, den Segel-Verband, den Judo-Verband, die Schützen.

STANDARD: Dass der Sport im Wahlkampf kein Thema ist ...

Schweitzer: ... stimmt auch mich nachdenklich. Bei großen Sportevents kommen Spitzenpolitiker und grinsen in die Kameras. Aber sonst hält sich das Interesse in Grenzen. Wir haben ein tolles Breitensportprojekt, das wird ausschließlich von uns betrieben. Was der Sport leisten kann, das wollen viele nicht hören.

STANDARD: Scheinbar stoßen Sie auch in Ihrer Partei auf taube Ohren. Auch Westenthaler hätte ja den Sport im Wahlkampf thematisieren können.

Schweitzer: Diese Tatsache macht mich auch nicht wirklich glücklich. Aber damit muss ich leben.

STANDARD: Bei den Themen Sport im Kindergarten, Sport in der Schule kommen Sie vielen vor wie Don Quichote, der gegen Windmühlen kämpft.

Schweitzer: Wir haben unser Programm "Sport Kids" in einigen Kindergärten etabliert und geschafft, dass sich Sportvereine in Schulen präsentieren konnten. Aber insgesamt ist es mühsam. Einen Sportschwerpunkt hat Ministerin Gehrer leider nicht gesetzt.

STANDARD: Sie haben kürzlich das Fußballteam ungewöhnlich hart kritisiert. Ist Ihnen einfach der Kragen geplatzt?

Schweitzer: Ich habe jahrelang versucht, Verständnis zu haben und das Challenge-2008-Projekt zu unterstützen. Aber die Unprofessionalität ist abenteuerlich. Seit zwei Jahren sage ich Herrn Ruttensteiner, wir brauchen den Zahnstatus der Teamspieler und andere Daten. Aber ich kriege das nicht. Und dann kassieren die Fußballer eine Watsche nach der anderen und wollen im Fünf-Sterne-Hotel wohnen. Da bin ich halt sarkastisch geworden.

STANDARD: Was muss passieren, damit Österreich bei der Heim-EM halbwegs besteht?

Schweitzer: Ein Wunder? (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 28. September 2006, fri)

ZUR PERSON:

Karl Schweitzer (54), Sportstaatssekretär (BZÖ). Früher Lehrer (Geografie/Leibesübungen) und FPÖ-Mitglied.

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