"Volksabstimmung als Antwort"

2. Oktober 2006, 15:26
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Wahlen in Bosnien-Herzegowina: Der Premier der serbischen Teilrepublik Srpska, Milorad Dodik, erwägt im STANDARD-Interview ein Unabhängigkeitsreferendum

STANDARD: Was würde es für Bosnien bedeuten, wenn der Kosovo unabhängig würde?

Dodik: Ich bin für die Gleichberechtigung aller Völker in der Region und für die Bewahrung der staatlichen Integrität. Wenn im Falle des Kosovo ein fundamentaler internationaler Grundsatz verletzt wird, dann haben dieses Recht auch andere Völker, und zwar nicht nur in der Region.

STANDARD: Wieso muss sich die Selbstständigkeit im entfernten Kosovo auf das Zusammenleben in Bosnien auswirken?

Dodik: Der Kosovo bedeutet dem serbischen Volk viel, vor allem in kultureller, historischer und religiöser Hinsicht. Wenn man verstehen will warum, ist es unumgänglich, die Geschichte dieses Gebiets gut zu kennen. Eine oktroyierte Lösung des Kosovo-Problems kann weder annehmbar noch dauerhaft sein.

STANDARD: Sollen die Bewohner der Republik Srpska über ihre eigene Unabhängigkeit abstimmen dürfen?

Dodik: Ich bin Demokrat aus Überzeugung, und ein fundamentaler Grundsatz der Demokratie lautet, dass jedes Volk das Recht hat, sich über seinen Status zu erklären. Wir sind ja im Moment Zeugen, wie manche Politiker aus Sarajewo ihren Wählern versprechen, dass es nach der Wahl keine Republik Srpska mehr geben soll. Eine mögliche Antwort auf solche Auflösungsankündigungen kann eine Volksabstimmung sein.

STANDARD: Muss man nicht unter der post-jugoslawischen Staaten eine neue Auflösungsrunde fürchten, wenn Srpska die Unabhängigkeit anstrebt?

Dodik: Die Serben in der Republik Srpska wollen Gleichberechtigung innerhalb von Bosnien-Herzegowina. Wenn es diese Gleichberechtigung nicht gibt, wird das serbische Volk selbst seine nächsten Schritte wählen. Ich bin und war immer für friedliche Lösungen und für das Zusammenleben, aber niemals zum Nachteil eines Volkes.

STANDARD: Warum hängt das Schicksal der bosnischen Serben von der Existenz einer eigenen Entität ab? Die Schweiz ist vielleicht der föderalste Staat der Welt, aber ethnische Entitäten kennt auch sie nicht.

Dodik: Sie wissen genau, dass die Schweiz nie Krieg geführt hat. In Bosnien dagegen hat ein Bürgerkrieg stattgefunden. Beendet wurde er mit der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens, das die Entitäten gesetzlich verankert hat.

STANDARD: Nächstes Jahr soll ein Vertreter der Europäischen Union den "Hohen Repräsentanten" in Sarajewo ersetzen. Ist das für Sie ein Fortschritt?

Dodik: Das ist ein Fortschritt für Bosnien. Bosnien muss zeigen, dass es alleine weiterkommen kann, ohne Vormundschaft der internationalen Gemeinschaft. Wir können ja schlecht so in die EU kommen, wenn auf beiden Seiten des Verhandlungstisches Vertreter internationaler Organisationen sitzen! Man muss Bosnien erlauben, von selbst zu funktionieren, es soll kein Protektorat bleiben. Die Internationale Gemeinschaft soll schon präsent bleiben, aber nicht als Befehlshaber.

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Zur Person
Milorad Dodik (47) ist Premierminister der bosnischen Teilrepublik Srpska und profiliertester Politiker der bosnischen Serben. Im Wahlkampf drohte der Unternehmer mit dem Austritt der bosnischen Serben aus dem gemeinsamen Staat, wenn Srpska einer Verfassungsreform zum Opfer fallen sollte. Weil Dodik für diesen Fall eine Volksabstimmung ankündigte, drohte ihm der Hohe Repräsentant Christian Schwarz-Schilling, mit der Absetzung. (Norbert Mappes-Niediek/DER STANDARD, Printausgabe,28.9.2006)

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    Milorad Dodik

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