"Hormonbaden" im Uterus

27. Juni 2000, 22:36

Die Zusammensetzung im Fruchtwasser wirkt sich aus

London - Dass man aus den Händen respektive Fingern die sexuelle Disposition und Anlagen zu Krankheiten lesen kann, klingt zwar zunächst wie ein eher schwacher Scherz, aber die Anzeichen dafür häufen sich. Zuletzt fanden US-ForscherInnen einen Zusammenhang bei homosexuellen Frauen: Ihre Finger ähneln mehr denen von Männern als denen von heterosexuellen Frauen (dieStandard.at berichtete).

Das ist keine Laune der Natur und auch nicht schlicht genetisch verursacht. Man vermutet vielmehr das "Hormonbad" - in diesem Fall mit dem männlichen Hormon Androgen - im ersten Drittel der Embryonalentwicklung dahinter. In diesem Stadium entwickelt sich die Hand - in diesem Stadium entwickeln sich auch Gehirn, Herz und Geschlechtsdrüsen.

Hormone steuern geschlechtsbezogen

Und nicht nur sie - hohe Androgengehalte im Uterus machen Männer maskulin - werden vermutlich durch die mütterlichen Hormone "geprägt". Auch Herzkrankheiten beim Mann und Brustkrebs werden mit hohen Gehalten an den weiblichen Hormonen Östrogen und Progesteron in Verbindung gebracht. Zwar misst man meist bei Erwachsenen, aber seit Jahren gibt es den Verdacht, dass hohe Östrogengehalte im Uterus die Embryonen für Brustkrebs anfälliger machen.

Schließlich könnte auch die Entwicklung des Gehirns von Hormonen mitgesteuert werden, das zeigt sich zunächst wieder bei den homosexuellen Frauen, die auch in Intelligenztests eher abschneiden wie Männer, z.B. ausgeprägte räumliche Orientierung haben.

Das soll sich aber auch bei Dyslexie (Leseschwäche) und selbst bei Autismus zeigen. Vergleiche von Fruchtwasseranalysen mit frühkindlichem Verhalten zeigen einen Zusammenhang zwischen viel Testosteron im Uterus und Autismus. Aber Fruchtwasseranalysen sind riskant. Deshalb will man das Fingerlesen - auch dort zeigt sich eben das Testosteron - für Diagnosen verfeinern.
(New Scientist, Nr. 2244, S. 32)
(jl)

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