Eine Familie aus "Girl Monsters"

28. September 2006, 07:00
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Die 3 CD-Box "Girl Monster" aus dem Hause Chicks on Speed porträtiert feministische Musikgeschichte von Punk bis Electro-Pop

Bei Anthologien ist es ja immer so eine Sache. Sie kommen daher mit einer großen Erzählung im Gepäck und präsentieren geballtes Wissen auf dem Servierteller. Im Fall der 3-CD-Box "Girl Monster" aus dem Hause Chicks on Speed Records ist das nicht anders: Über 60 Tracks erzählen "the real history of women’s cutting edge music" und das von den späten 70ern bis heute.

Der Zeitpunkt für den Beginn ist gut gewählt: In den späten 70ern und frühen 80ern traten Frauen erstmals unübersehbar als Musikerinnen auf die Bühne. Punk und Post Punk als Genres der musikalischen Endzeit und der stilistischen Dekonstruktion eröffneten Frauen neue Handlungsräume, die nicht von traditioneller Sexiness oder Professionalität bestimmt waren, sondern von Eigenregie und radikal-neuen Weiblichkeitsentwürfen. "Cutting edge" waren damals Bands wie Malaria!, Delta 5, The Slits oder auch Pulsallama, die auf der Compilation vertreten sind.

Electronic is the new punk

Seit den späten 90ern hat sich der Gestus des "do-it-yourself" offenbar immer mehr in elektronische Mittel eingespielt, dies veranschaulicht der größte Teil von "Girl Monster". Bands Wie Chicks on Speed, Le Tigre, Peaches, Hanin Elias oder Rhythm King and her friends verwenden Rock- und Elektronik-Elemente egalitär nebeneinander und machen sich die rebellischen Gesten beider Welten zu eigen.

Mit den österreichischen "Girl Monsters" Gustav, Electric Indigo & Dorit Chrysler sowie Cherry Sunkist, sind Künstlerinnen vertreten, die mit politischem Song-Writing, Lofi-Elektronik, Techno und Experimental bekannt wurden. Große Namen wie Björk oder Juliette and the Licks tragen das Übrige dazu bei, den Output von "Girlmonster" stilistisch nur schwer einordnen zu können.

FemBot vs. Girlmonster

Was auf der musikalischen Ebene schwer fällt, geht auf der inhaltlichen (ein bißchen) leichter. In den Liner-Notes, die im Zine-Format der 3-CD-Box beigelegt sind, wird das "Girl Monster" vom Pil & Gallia Kollective als herabgewürdigte Doppelgängerin des "FemBots" beschrieben, eines weiblichen Roboters, der in den fremdbestimmten Anforderungen und Strukturen des Mainstream-Pops verhaftet bleibt. Das Girl Monster würde die Differenzen von Gender gern über Bord werfen - schaut es in den Spiegel, sind sie aber immer noch da. So fächert das "Girl Monster" weibliche Repräsentation in Musik und Kunst auf und jubelt ihr neue Spielarten von Weiblichkeit unter.

Mit-Initiatorin und Chicks on Speed-Mitglied Alex Murray-Leslie bezeichnet das "Girl Monster" im Gespräch mit dieStandard.at als "mystisches, hexenartiges Wesen". Ob das Girl Monster auch queer sei? "Definitiv, es geht um den Kampf der Geschlechter in einem Körper".

Auswahlkriterien

Um nun auf die eingangs angedeutete Problematik nach dem Ein- bzw. Ausschluss solcher Anthologien zurückzukommen: Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Musikerinnen und Bands ausgewählt wurden. Für Alex Murray-Leslie vereint die Compilation Musik, die sie persönlich wertschätzt. "Die Klassikerinnen des Punk und Post Punks haben wesentlichen Einfluss auf die Musik von Chicks on Speed gehabt. Mit einigen haben wir auch schon zusammengearbeitet, bzw. im Rahmen unserer Arbeit kennengelernt. Gemeinsam mit den jüngeren sehen wir sie als Teil einer erweiterten Familie".

Ziel der Anthologie sei es, feministische Musikgeschichte zu schreiben bzw. "zu schaffen", wie Murray-Leslie schmunzelnd präzisiert: "Mir ist nicht bekannt, dass sie schon jemand geschrieben hätte". Zusätzlich zur Compilation planen die Chicks on Speed eigene "Girl Monster-Touren", Vortragsreihen und den Ausbau des Netzwerkes weiblich-feministischer Musikerinnen via myspace.com.

Mangelnde Repräsentativität will sich die Initiatorin ob der subjektiven Auswahl der Künstlerinnen nicht vorwerfen lassen: "Girl Monster ist ja erst die erste Ausgabe, eine 'Einführung' in die Welt der 'Girl Monster'. Es sollen noch weitere folgen, weil ja klar ist, dass es noch viele, viele weitere tolle Bands von Frauen gibt." (Ina Freudenschuß)

  • Girl Monster, Triple CD Set
Erscheinungstermin: 29. September 2006 
Chicks on Speed Records
    Girl Monster, Triple CD Set
    Erscheinungstermin: 29. September 2006
    Chicks on Speed Records
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