Ärzte operieren erstmals einen Menschen in der Schwerelosigkeit

4. Oktober 2006, 14:11
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Geschwulst-Entfernung während Parabelflugs als Test für Weltraum-OPs - Wiener Intensiv­mediziner: "Ungeeigneter Test"

Bordeaux - In einer Weltpremiere sind ein französisches Ärzteteam und ihr Patient zur ersten Operation in der Schwerelosigkeit gestartet. Ein speziell ausgerüstetes Airbus-Flugzeug hob Mittwoch früh vom Flughafen von Bordeaux zu einem rund dreistündigen Flug ab. Die Maschine ist für Parabelflüge ausgerichtet, bei denen sie 30 Mal aus großer Höhe wie im freien Fall nach unten stürzt.

Während an Bord jeweils 20 bis 22 Sekunden lang Schwerelosigkeit herrscht, wollen die Ärzte einen in der Unfallchirurgie typischen Eingriff vornehmen. Der Test soll Wege für Not-Operationen im Weltraum etwa an Bord der Internationalen Raumstation ISS aufzeigen, aber auch an entlegenen Stellen auf der Erde.

Konkret sollte dem 46-jährigen Freiwilligen Philippe Sanchot bei dem Flug eine kleine Fettgeschwulst am Unterarm entfernt werden. Die Mediziner sollten dabei ebenso wie der Patient, der Operationsblock und das Operationsbesteck festgeschnallt werden. Eigens für das Arbeiten im schwerelosen Raum wurde auch eine besondere Narkosetechnik entwickelt. Am Nachmittag wollten die Ärzte über den Verlauf der Operation berichten.

Intensivmediziner: "Ungeeigneter Test"

Für den Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin am Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Michael Zimpfer, ist die erste Operation in Schwerelosigkeit ein "ungeeigneter Test". Die Zeit der Schwerelosigkeit sei viel zu kurz. Denn in dieser Zeit hätte der Körper zu viel Flüssigkeit in sich. Bei einer dauernden Schwerelosigkeit verliert der Körper nämlich Flüssigkeit, weiß der Mediziner.

Bei einem längeren Aufenthalt in der Schwerelosigkeit passe sich der Körper an: Das Blut wiege weniger, mehr Flüssigkeit fließe zum Herzen zurück. Das Herz signalisiere den Nieren mehr Flüssigkeit auszuscheiden und das gehe als Harn ab, so Zimpfer. "Für eine Nachahmung einer Operation im Weltall ist die Zeit eigentlich zu kurz", erklärte der Chirurg.

Erfahrungen sammeln

Der Eingriff sei jedoch gut, um Erfahrung mit dem physikalischen Phänomen Schwerelosigkeit zu sammeln. "Das Operationsteam kann ja nicht einfach stehen und sich abstützen. Der Patient muss mit Sicherheit anders fixiert werden. Der ganze Maschinenpark hat sicher Elemente, die an die Schwerkraft gebunden sind. Auch die Handhabung der technischen Hilfsmittel wird beeinflusst", ist Zimpfer überzeugt.

Mediziner müssen lernen, mit der Schwerelosigkeit umzugehen. "Man kann Instrumente nicht einfach hinlegen", meinte Zimpfer. Die Chirurgennadel nach dem Zunähen der Wunde einfach platzieren geht nicht, das könne katastrophale Auswirkungen im All haben.

"Keine großartigen Effekte"

Während der Operation erwarte sich Zimpfer keine großarteigen Effekte. "Das Blut rinnt vielleicht nicht so schön hinunter." Theoretisch dürfte es auch für den Patienten, wenn er sich nach der Operation weiterhin in der Schwerelosigkeit befindet, keine Auswirkungen bei der Heilung seiner Wunde geben. Wichtig sei, dass das Gewebe gut durchblutet und mit viel Sauerstoff versorgt sei sowie keine Infektionen auftreten. (APA/Red)

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    Der Eingriff findet während mehrerer Parabelflüge in einem speziellen Airbus A 300 Zero-G statt.

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    Der Patient Philippe Sanchot bekommt vor dem Abflug eine Pille gegen Übelkeit.

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