Kommentar der anderen: Das gedruckte Schicksal

18. Oktober 2006, 11:18
9 Postings

Wie Medien Menschen vom Penthouse in den Kerker schicken - und umgekehrt, gewissermaßen - Von Harald Betke

Anmerkungen zu einigen Auffälligkeiten in der publizistischen Vermarktung der Fälle Kampusch und Elsner von Harald Betke.

***

Alltags- und Medienrealität verschmelzen immer mehr, werden Ersatzformen von Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit. Man sitzt bei Elsner im Auto, bei Kampusch im Keller. Doch Medien geben die Wirklichkeit nicht wieder, ja vermitteln sie nicht einmal, sondern definieren sie erst.

Sicher kann man sagen: Medien sind nicht gefährlich, sie beißen nicht, es kommt ja nur darauf an, was man damit macht.

Ja, ja, natürlich kann man sich mit einem Apfel das Gesicht waschen oder mit einem Messer die Haare kämmen, doch diese Verwendungsarten sind doch eher unwahrscheinlich. Und so legen auch Medien, und vor allem, nennen wir sie Massenmedien, aufgrund ihrer Natur ganz bestimmte Anwendungen nahe. Anwendungen, die in wenig verantwortlichen Händen zu gefährlichen Ergebnissen führen. Und das wird, in diametraler Form, sichtbar an den beiden Schicksalen, die Österreich derzeit am meisten bewegen. Der eine wird vom Penthouse in den Kerker befördert und die andere vom Kerker in das Penthouse (bildlich gesprochen).

Beunruhigend

Dabei geht es hier nicht primär um die zweifelhafte Rolle der Medien: Was der mündige Medienkonsument liest und daraufhin womöglich postet oder bloggt, ist vergleichsweise harmlos - die viel größere Gefahr liegt in der Infizierung der Staatsmacht mit dem Medienvirus.

Die Gerechtigkeit verkommt zur Unterhaltung der Massen. Und das bei einem leider tendenziell kleiner werdenden Anteil von Menschen, die noch wissen, was Skrupel sind, oder was das Wort "Gewissen" bedeutet.

Jeder vergönnt Frau Kampusch die Millionen aus Medienverträgen, nachträglich ausbezahltem Kindergeld und Spenden. Aber wieso kann ihre Foundation Spendengelder, einbezahlt für einen genau definierten Verwendungszweck zugunsten eines sympathischen Mädchens, für mexikanische Mordopfer verwenden? Und für keine andere Organisation würde man die Steuerpflicht für Spendeneinnahmen einfach aufheben - ein Vertreter des Finanzministeriums unwidersprochen: "Im Fall von Natascha Kampusch werden wir eine Ausnahme machen". Eine Verbeugung vor der neuen Prinzessin der Herzen, die so nicht einmal bei Mutter Teresa oder Lady Di stattgefunden hat.

Und wie bei Shakespeare liegen auch Aufstieg und Fall nahe beieinander. Zeitgleich spürt eine Schattengestalt neben der Lichtgestalt die andere Seite medialer Macht. Helmut Elsner sitzt im verdunkelten Raum, dämmert vor sich hin. Da muss ein Doppelgänger herhalten in einem Doppelgängerporsche: Bloße Ähnlichkeit von Mann und Auto genügt, um die Justiz aktiv werden zu lassen.

Man kann als Kommunikationsexperte froh sein über den "Impact", aber als Staatsbürger beunruhigt. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2006)

Zum Autor
Harald Betke, Gründer und Leiter gleichnamigen Werbeagentur, ist Lektor am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Wien, und Betreiber des Vereins "Institut für Zukunftsforschung".
Share if you care.