Russland verspricht Europa neues Erdgas

6. Oktober 2006, 08:35
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Schtokman-Fund könnte umgeleitet werden - Putin: "Gasprom prüft eine solche Möglichkeit"

Unvorhersehbare Entscheidungen sind ein Markenzeichen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Erst am Wochenende ließ er - auf Besuch in Paris - aufhorchen: Russland werde nicht nur alle Lieferverpflichtungen für Europa erfüllen, es sei auch bereit, Teile des Gases aus dem riesigen Schtokmanfeld nach Europa umzuleiten. "Gasprom prüft eine solche Möglichkeit und könnte eine Entscheidung schon in allernächster Zeit treffen", sagte Putin.

Beim russischen Gasmonopolisten Gasprom war man von diesem Schwenk überrascht und schob ihn der "großen Politik" zu. Marktbeobachter meinen, der Schritt in die bevorzugte Partnerschaft mit Europa habe mit dem abgekühlten Verhältnis zu den USA zu tun. Diese hatten heuer Sanktionen gegen russische Waffenexporteure verhängt und einen WTO-Beitritt Russlands hinausgeschoben.

Weltgrößtes Off-shore-Gasvorkommen

Das Projekt der Ausbeutung des Schtokmanfeldes war aber von Anfang an mit den Amerikanern verbunden gewesen. Vorgesehen war, in einer ersten Etappe, 22,5-30 Mrd. m³ als Flüssiggas in die USA zu liefern. Erst in der zweiten Etappe, in der die Förderung auf 67,5 Md. m³ aufgestockt werden sollte, hätte Gas über den teureren Pipelineweg auch nach Europa fließen sollen. Putin sagte nun in Frankreich, dass allein das Schtokmanfeld 25-45 Milliarden m³ jährlich im Laufe von 50-70 Jahren nach Deutschland liefern könne. Derzeit erhält Deutschland rund 55 Milliarden m³ russischen Gases.

Das 550 km nördlich des Eismeerhafens Murmansk gelegene Schtokmanfeld gilt als größtes Off-shore-Gasvorkommen der Welt. 3200 Mrd. m³ lagern dort, mehr als doppelt so viel wie im bisher weltgrößten norwegischen Trollfeld. Unter der Barentssee sollen insgesamt rund 29.700 Mrd. m³ lagern. Bisher haben Gasprom und der Kreml nicht entschieden, ob sie die Förderung gemeinsam mit einem amerikanischen oder europäischen Konzern vornehmen.

Neue Energiecharta

Im Gegenzug zum plötzlichen Angebot an Europa erwartet sich Russland eine Abänderung des Vertrages zur Energiecharta. Russland hat den Vertrag bis heute nicht ratifiziert. Welche Abänderungen verlangt werden, kann man ahnen. Seit 2003 verweigert Russland die Teilnahme aus zwei Gründen: Die EU verweigert Gasprom privilegierte Rechte zur Nutzung der innereuropäischen Gaspipelines für die Gaslieferungen an die Verbraucher in der EU. Die EU-Kommission bestimmt allein die Regeln für den Gastransport innerhalb des EU-Territoriums - Russland sieht seine Interessen vernachlässigt und würde lieber mit jedem Land extra verhandeln. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.9.2006)

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