Achtköpfige Familie: Monatelanges Warten auf Sozialhilfe

4. Oktober 2006, 18:53
75 Postings

Familie muss zweieinhalb Monate auf einen Termin am Sozialamt warten - wegen Personalmangel und steigender Zahlen von Antragstellern

Wien – Khawasch Bisaev kennt sich aus mit den Mühlen der Bürokratie. Schließlich war er in seiner Heimat Tschetschenien als Beamter tätig. Doch die verwaltungstechnischen Hürden, mit denen er derzeit in Wien konfrontiert ist, gehen selbst ihm zu weit – sie bringen ihn und seine Familie an den Rand der Existenz.

Am 5. September hat der anerkannte Flüchtling, der seit dreieinhalb Jahren mit seiner Frau und sechs Kindern in Wien lebt, beim zuständigen Sozialzentrum in Ottakring um Sozialhilfe angesucht. Er bekommt den frühest möglichen Termin, und zwar am 13. November.

"Betreuerin hat Verständnis aufgebracht"

Wovon die Familie bis dahin leben soll, weiß Bisaev nicht. "Die Beteuerin hat Verständnis aufgebracht für meine Situation," schildert der Diplomingenieur. Aber ein früherer Termin sei aufgrund der Personalsituation nicht möglich. Bisaev wird auch nicht als Notfall eingestuft, da sein Einkommen über 320 Euro liegt. Wobei der Unterschied nicht groß wäre: Selbst auf einen Notfallstermin muss man etwa sechs Wochen warten.

Einzige Einkommensquelle sind rund 600 Euro Kinderbetreuungsgeld zuzüglich 400 Euro Familienbeihilfe, die erst wieder Ende Oktober ausgezahlt wird. Die vierteljährliche Stromrechnung von 400 Euro will aber schon jetzt bezahlt werden, genauso wie die Monatsmiete von 625 Euro. Für geeignete Herbstkleidung für die Kinder, die zwischen sechs Monate und neun Jahre alt sind, bleibt da nichts.

Deswegen ließ der Familienvater nicht locker. Bei der Sozialreferentin im Rathaus wurde er zumindest mit viel Verständnis angehört, das Jugendamt hingegen reagierte "kalt und formell". Da sei nichts zu machen, aber wenn er die Kinder nicht mehr ernähren könne, gebe es Stellen, wo er sie abgeben könne, habe man ihm angeboten.

"Ich habe wirklich versucht, es selbst zu schaffen," beteuert Bisaev mit verbitterter Stimme. Nach seiner Flucht war er bereits auf Sozialhilfe angewiesen, im Mai dieses Jahres tat er dann den Schritt in die Selbständigkeit und fing als Berater bei einem Finanzdienstleister an, auf Provisionsbasis. Daneben absolvierte er eine viermonatige Fachausbildung. Der ambitionierte Versuch ging nicht auf: Zu wenig Kunden konnte er gewinnen, um ein Auskommen zu finden. Da er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, blieb nur, wieder Sozialhilfe zu beantragen.

Zuletzt, nach erfolglosem Drängen, einen früheren Termin am Sozialamt zu bekommen, wandte sich Bisaev an die Wiener Grünen, die in Fällen wie seinen ein Argument mehr für die Einführung einer Grundsicherung von 800 Euro sehen und neuerlich eine Garantie für die Auszahlung der Sozialhilfe innerhalb von 14 Tagen nach Antragstellung fordern.

"Prioritäten setzen"

"Wir haben die Wartezeiten bereits von durchschnittlich drei Monaten auf rund ein Monat verkürzt," meint Peter Stanzl, Leiter des Sozialamtes, dass sich bereits "viel getan" habe. Seit November letzten Jahres werde das Betreuungspersonal aufgestockt, das jedoch noch nicht in allen Bezirken im Einsatz sei. Besonders in Meidling und Ottakring gebe es noch lange Wartezeiten, gesteht Stanzl ein.

Für Erstantragsteller und Menschen ohne Einkommen gebe es frühere Termine, man müsse aber Prioritäten setzen. "Es gibt noch dramatischere Fälle als die des Herrn Basaev." Tatsache sei, dass man der Entwicklung immer nachlaufe. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger verdoppelt, und wird auch nach dem herbstlichen Ansturm nicht sinken. (Karin Krichmayr, DER STANDARD - Printausgabe, 27. September 2006)

Share if you care.