Kommentar: Angst vor Amadeus

2. Oktober 2006, 15:34
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Aktion ein äußerst bedenklicher Dammbruch - Von Birgit Baumann

Aus Furcht vor islamistischen Anfeindungen oder gar Terroranschlägen setzt die Berliner Oper das religionskritische Mozart-Werk Idomeneo ab – einen Tag, bevor der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zur ersten „Islamkonferenz“ in Deutschland bittet. Selten hat es (wenn auch unfreiwillig) eine derart groteske Ouvertüre zu einer politischen Veranstaltung im Nachbarland gegeben.

Bleiben wir zunächst in der Oper. Was hat Intendantin Kirsten Harms zu diesem Schritt bewogen? Setzt man Ursache und Wirkung in Relation, kann man nur zum Schluss kommen: Osama Bin Laden muss der Berliner Oper sein persönliches Erscheinen angedroht haben, sollten die Berliner weiterhin die Mozart-Oper spielen und den abgeschlagenen Kopf des Propheten Mohammed zeigen. Mitnichten. Es war ganz anders und harmloser: Das Opernhaus stützt sich auf eine „allgemeine Gefahrenanalyse“, eine konkrete Bedrohung gibt es nicht.

Daher kann man diese Aktion nicht einfach als besonders originellen Beitrag zum Mozartjahr 2006 verbuchen, sondern als äußerst bedenklichen Dammbruch. Noch nie hat es in der deutschen Kunst und Kultur einen derart vorauseilenden Gehorsam gegeben. Im Gegenteil: Viele Aktionen – man denke an die umstrittene RAF-Ausstellung im Vorjahr – haben orkanartigem Gegenwind getrotzt. Kunst darf, ja sie muss sogar provozieren. Da dies zunehmend infrage gestellt wird, wenn der Islam ins Spiel kommt, zeigt auch eine Entscheidung der ARD. Ursprünglich hat sie für den heutigen Mittwoch den Film „Wut“ ins Hauptabendprogramm gesetzt. Doch nach Protesten gegen den Streifen, in dem ein brutaler türkischer Drogenhändler eine deutsche Akademikerfamilie traktiert, wurde „Wut“ hurtig auf übermorgen in das Spätabendprogramm verlegt.

Es hat sich auch in Deutschland etwas verändert seit den weltweiten Ausschreitungen wegen der Mohammed-Karikaturen. Die Gedanken sind nicht mehr so frei wie früher. Hilflos reagiert die Deutsche Oper auf eine vermeintlich extreme Bedrohung mit einem genauso radikalen Schritt: Weg mit der ganzen Oper, fort mit den abgeschlagenen Köpfen! Angst essen Seele auf, hieß das vor 30 Jahren bei Rainer Werner Fassbinder. Angst essen Mittelweg auf, könnte man heute meinen. Denn eine Möglichkeit wäre auch gewesen, Idomeneo auf dem Spielplan zu belassen und sich der Problematik sowie möglicher Proteste zunächst einmal in Diskussionen zu stellen.

Genau hier ist die „Islamkonferenz“, das politische Experiment von Innenminister Schäuble (CDU) gefragt. Es ist schon richtig, dass er das deutsche Grundgesetz zur Grundlage des Dialogs macht. Integration heißt ja nicht, auch jene Muslime gewähren zu lassen, die in einer Parallelwelt leben, in der Ehrenmorde mehr zählen als deutsche Gesetze. Doch dieser Dialog wird gerade nach der Idomeneo-Absetzung nur dann erfolgreich sein, wenn die deutsche Regierung deutlich macht, dass sie auch das Wohl der Muslime im Auge hat – und die „Islamkonferenz“ nicht vorrangig als Mittel zur Terrorabwehr sieht. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2006)

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