Romantische Tiefenpsychologie

3. Oktober 2006, 16:11
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Kent Nagano und das Bayerische Staatsochester zum Saisonstart im Konzerthaus

Wien - Ziemlich knapp nach seinem Amtsantritt als Bayerischer Generalmusikdirektor, dessen Wirkungsbereich auch die Münchner Staatsoper einschließt, kehrten Kent Nagano und seine neue Mannschaft mit einem gewichtigen Romantikpaket zur Saisoneröffnung im Konzerthaus ein.

Wobei zu sagen ist, dass einen das erste Stück, Franz Schuberts Ouvertüre Die Zauberharfe, noch keineswegs vom Sessel hob. Dieses alle Merkmale einer Gelegenheitskomposition aufweisende Werk, das Schuberts melodische Fantasie und harmonische Farbigkeit nur von ferne ahnen lässt, hätte doch nach einer weniger verallgemeinernden Wiedergabe verlangt.

Etwa in jenem Stil, in dem sich Nagano und die Gäste aus München vier von Gustav Mahlers Wunderhorn-Liedern und vor allem dessen vierter Symphonie annäherten.

Die angewandte Technik, durch dynamische Verschränkungen von Haupt- und Nebenstimmen die gewohnte Verbindlichkeit des Gesamtklangs zu verändern und der Musik und damit auch dem Zuhörer neue Erlebnisbezirke zu erschließen, ist zwar nicht mehr ganz neu. Legitimiert werden solche Interpretationspraktiken allein durch den Grad an Sensibilität, mit dem ein Werk nicht verfremdet, sondern vielmehr durch Freilegung seines Un- und Unterbewussten seiner wahren, tieferen, inneren Identität angenähert wird.

Verstörte Idylle

Und gerade dies ist den Gästen bei Gustav Mahler auf imponierende Weise gelungen. Nicht allein in den vordergründigen Klangantagonismen, wie sie etwa in Liedern wie Wo die schönen Trompeten blasen oder Das irdische Leben vorgeben sind und auch von Michaela Kaune mit kultiviertem Sopran mitgestaltet wurden, sondern vor allem in Mahlers Vierter.

Der gewaltlose Widerstand, mit dem sich Nagano dem Klischee dieses Werkes als volkstümelnd harmlose Idylle zur Wehr setzt und vor allem im ersten Satz aufregend klingende Alternativen anbietet, verdient allen Respekt.

Wenn Nagano als neuer Musikchef der Münchner Oper, sagen wir, an den dritten Rosenkavalier-Akt ebenso herangeht wie an diesen Mahler, wird sich Klaus Bachler trotz allen zu erwartenden Jubels im deutschen Großfeuilleton recht warm anziehen müssen. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 27.9.2006)

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