Verhandeln um Flexibilität und Kommazahlen

19. Oktober 2006, 12:50
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Bei der startenden Herbstlohnrunde geht es um "Zweier" oder "Dreier" vor dem Komma, aber auch um eine mögliche Flexibilisierung bei Lohnerhöhungen auf der Betriebsebene

Am Mittwoch beginnt die Herbstlohnrunde - wie immer mit einem Ritual: Metaller-Gewerkschaft und Arbeitgeber überreichen einander die Forderungen. Prozentzahlen werden beim ersten Treffen nicht genannt. Es geht jedoch um "Zweier" oder "Dreier" vor dem Komma, aber auch um eine mögliche Flexibilisierung bei Lohnerhöhungen auf der Betriebsebene.

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Wien - "Alles ist irgendwann das erste Mal", sagt Erich Foglar im STANDARD-Gespräch am Vortag "seiner" ersten Lohn- und Gehaltsverhandlungen als Chef der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung. Am Mittwoch ist zunächst erstes Beschnuppern angesagt, "Wirtschaftstreffen" genannt. Sein Gegenüber bei den Arbeitgebern, Leitz-Österreich-Chef und Wirtschaftskammer-OÖ-Vize Hermann Haslauer, steigt schon seit acht Jahren in den Ring. Am Mittwoch um 14 Uhr überreichen die Delegationen einander die Forderungspakete, wie immer im Hauptquartier der Wirtschaftskammer Österreich in der Wiedner Hauptstraße in Wien. Der erste echte Verhandlungstag ist für den 3. Oktober angesetzt.

Signal für alle

Die Tarife der 180.000 heimischen Metallarbeiter und Industrieangestellten haben wie immer Signalcharakter für alle anderen Kollektivvertragsverhandlungen (als nächstes ist der Handel ab 19. Oktober dran). Im Vorjahr einigten sich die Sozialpartner auf eine Erhöhung der Metaller-Ist- und -Kollektivvertragslöhne um 3,1 Prozent - ein sattes Plus, das in der Industrie auch Kritik hervor gerufen hatte. Doch die Arbeitnehmer beriefen sich auf veritable Produktivitätssteigerungen, an denen man mitschneiden wollte.

Heuer sehen die Voraussetzungen etwas anders aus: Die Inflationsrate ist deutlich niedriger als im Vergleichszeitraum 2005. Die Jahresinflationsrate betrug im Vorjahr 2,3 Prozent. In den vergangenen fünf Monaten pendelte die Inflation zwischen 1,5 und 1,8 Prozent (im Jahresabstand).

Aufschwung

Hingegen sprechen Wirtschaftsforscher heuer von einem "echten Aufschwung", internationale Institute revidierten die Wachstumsprognosen zuletzt sogar noch nach oben. Export und Investitionen brummen lauter als im Vorjahr. An den dadurch steigenden Gewinnen wollen die Arbeitnehmer teilhaben, gelang dies ja auch durch Produktivitätserhöhungen im globalisierten Wettbewerb. Wifo-Experte Ewald Walterskirchen sagt: "Es ist fraglich, inwiefern der doch beträchtliche Rückgang der Inflation durch Produktivitätsgewinne ausgeglichen wird."

Die Arbeitgeber haben im Vorfeld erkennen lassen, dass sie am liebsten überhaupt nur den Inflationsausgleich zulassen, die Beteiligung der Mitarbeiter an Unternehmenserträgen auf betrieblicher Ebene geregelt haben wollen. Verhandler Haslauer: "Die Globalisierung verlangt Flexibilität. Man muss auch jene Betriebe berücksichtigen, die ums Überleben kämpfen. Es liegt alles am Ebit einer Firma. Natürlich muss es aber auch Mindestbeträge und Deckelungen geben." Wie ein Modell im Detail aussehen könnte, ist offen.

"Es gibt kein Modell"

Metaller-Chef Foglar kontert: "Wir sind grundsätzlich für Verhandlungen offen. Aber wir brauchen ein nachvollziehbares und transparentes Modell. Das gibt es aber derzeit nicht, und die Arbeitgeber haben keines." Auch die Mitarbeiter in Klein- und Mittelbetrieben, wo es keinen Betriebsrat gebe, müssten sofort sehen, wie hoch ihre Lohnerhöhung sei. Man solle nicht erst bei Wirtschaftsprüfer oder Bilanzbuchhaltern nachfragen müssen. "Irgendetwas, das auf Luft gebaut wird, wird es mit uns nicht geben." (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.9.2006)

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    Muss heuer seine Feuertaufe als Chefverhandler bestehen: Erich Foglar (li.), Nachfolger von Rudolf Nürnberger an der Spitze der Gewerkschaft Metall-Textil- Nahrung. Leitz-Österreich-Chef Hermann Haslauer (re.) vertritt bereits seit 1998 die Arbeitgeber der Branche. (Fotomontage: derStandard.at)

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