Befreiungstheologe: "Staatspräsident hat Chancen zu großen Reformen vertan"

9. Oktober 2006, 16:05
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Boff kehrt Lula den Rücken weil dieser ein "Element des Systems" sei

Brasilien - Kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien vom 1. Oktober hat der Befreiungstheologe Leonardo Boff die Politik von Staatspräsident Luiz Inacio "Lula" da Silva scharf kritisiert. "Lula" habe die Chance zu großen strukturellen Reformen vertan, die die Nation vor dem Desaster retten könnten, sagte Boff laut Kathpress in einem Interview der Zeitschrift "Unisinos".

Der Theologe, der nach Da Silvas Amtsantritt Ende 2002 zunächst als Präsidentenberater fungierte, beklagte, die großen Institutionen der Weltwirtschaft und die wichtigsten Staatschefs der Welt seien sehr zufrieden mit "Lula", weil er ein "Element des Systems" sei. Bei den brasilianischen Sozialbewegungen treffe man allerdings auf Enttäuschung und sogar Wut, weil sich der frühere Gewerkschafter von der Basis getrennt habe.

"Lula ist sich nach meiner Einschätzung nicht ausreichend seiner historischen Mission bewusst", so Boff. Zwar habe er mit 3,6 Milliarden Euro für Hilfsprojekte sozialen Fragen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als frühere Regierungen und damit elf Millionen Familien unterstützt. Das müsse aber in den politischen Kontext eingeordnet werden. Ein Vielfaches fließe in Schuldendienst, Bestechung und Begünstigung der Eliten.

"Eine Desillusionierung"

Sehr selbstkritisch äußerte sich Boff über seine früheren Würdigungen "Lulas". Er sei "einer der Enthusiastischsten" gewesen, als dieser gewählt wurde, und habe mehr als zehn Artikel über die brasilianische Revolution geschrieben, die er einleiten werde. Er, Boff, habe sich mit dem "Realismus", mit einer Politik des Möglichen konfrontieren müssen: "Es war eine Desillusionierung."

Boff hatte Silvas Wahlkampagne aktiv unterstützt. Entgegen der Stimmung an der kirchlichen Basis verglich er den Präsidenten sogar mit Mahatma Gandhi. Auch in deutschsprachigen Medien wurde der bekannte Theologe oft als Kronzeuge für eine progressive Politik der brasilianischen Regierung zitiert. Erst nach Korruptionsskandalen um die Arbeiterpartei (PT) verließ Boff diese Argumentationslinie.(APA)

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