Eine Liberale, die nicht mehr orange sein will
Sie kam, kärntnerte unbefangen vor sich hin, lächelte freundlich und war auf eine unprätentiöse Art selbstbewusst: Karin Gastingers (41) erster öffentlicher Auftritt bei ihrer Präsentation als neue Justizministerin im Juni 2004 war ungewöhnlich und überraschend. Ähnlich überraschend kam am Montag ihr Austritt aus dem BZÖ, das der seit knapp eineinhalb Jahren amtierenden Vizechefin des Bündnisses spätestens mit den Ausländer-Deportationsplänen des neuen Parteichefs Peter Westenthaler das Orange gründlich verpatzt hat.
Sechs Tage vor der Wahl, bei der das BZÖ mit schwindenden Chancen um den Einzug ins Parlament kämpft, sagte die steirische BZÖ-Spitzenkandidatin dem Bündnis Adieu. „Ausländerfeindlich“ sei es. Da könne sie nicht mit.
Schon längere Zeit zeigten sich Entfremdungstendenzen zwischen der „einzigen echten Orangen“, die zuvor ja nie FPÖ-Mitglied war, wie sie selbst betonte, und ihrer politischen Heimat auf Zeit. Das Gefühl, auf Kollisionskurs mit der eigenen Partei – aber auch dem Koalitionspartner ÖVP – zu sein, konnte die junge Politikerin, die anfangs ob ihrer politischen Unerfahrenheit von vielen unterschätzt wurde, zur Genüge auskosten.
Die Juristin war mit ihren Positionen oft zu liberal. Den einen in der Ausländerfrage, den anderen gesellschaftspolitisch. Gastinger ist der personifizierte Pragmatismus. Ein Pragmatismus, der einem Realitätssinn geschuldet ist, der nicht auf Ideologien oder politische Programmatik abstellt, sondern fragt: In welcher Welt leben wir? In einer, in der die Vater-Mutter-Kind/er-Familie Konkurrenz bekommt durch Patchwork-Familien, wie Gastinger sie auch selbst lebt. Ihr Mann und Vater von Sohn Max hat zwei Kinder aus erster Ehe.
Gastinger wollte den zusammengewürfelten Wahlverwandtschaften mehr Rechte geben. Nein, sagte die ÖVP, ganz Hüterin des heilen Familienidylls. In welcher Welt leben wir? In einer, in der homosexuelle Menschen gleich berechtigt sein sollen, meinte die liberale Orange. Lieber später, blockte die Volkspartei.
Gastinger blieb konziliant und bereitete den nächsten Anlauf vor. Sie blieb beharrlich und wartete auf ihre Chance. Setzte an die Spitze des Straflandesgerichts Wiens nicht den von ihrem Vorgänger gepushten FP-nahen Kandidaten, sondern eine politisch nicht punzierte Frau. Eine, als die sie sich selbst gern sieht: „Ich bin ein politischer Mensch, aber kein parteipolitischer.“
Zuletzt dürften die Bauchschmerzen, die ihr der orange Wahlkampf, aber auch der Ortstafel-Krampf in Kärnten bescherten, immer stärker geworden sein. Eine ihrer Aussagen zum Thema Integration klingt nun vielsagend: „Ich fühle mich oft ein wenig allein zwischen der Aggressivität von ganz rechts und der Weinerlichkeit von links.“ (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 26. September 2006)