"Genug Gas für den ganzen Winter"

5. Oktober 2006, 17:10
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In drei bis fünf Jahren könnte die Ukraine europäische Preise zahlen, so der ukrainische Energieminister Jurij Boyko im STANDARD-Interview

DER STANDARD: Erwartet uns in diesem Winter eine Neuauflage des Gasstreits?

Jurij Boyko: Die Hauptprobleme sind gelöst, weil wir (Russland und Ukraine) eine strategische Partnerschaft haben. Unser Premierminister Viktor Janukowitsch und das russische Staatsoberhaupt Wladimir Putin haben sich in Sotschi über das weitere Vorgehen in naher Zukunft geeinigt.

DER STANDARD: Die Einigung bezieht sich nur auf die Gaspreise bis Ende des Jahres. Wie sieht es für 2007 aus?

Boyko: Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten. Wir füllen unsere Gasspeicher mit ungefähr 130 Millionen Kubikmeter pro Tag. Also sollten wir ungefähr 24,7 bis 25 Milliarden Kubikmeter bis Mitte Oktober haben. Das ist genug, um durch den gesamten Winter und Frühling zu kommen.

DER STANDARD: Hier gab es Verzögerungen. Mehrfach wurde vor Defiziten gewarnt.

Boyko: Das ist gelöst, seit der Einigung mit den Russen. Die rund 25 Milliarden Kubikmeter sind unser übliches Level.

DER STANDARD: Trotzdem gab es im vergangenen Jahr Engpässe. Muss Europa...

Boyko: Das heißt, dass sich Europa keine Sorgen machen muss. Hier wird es keinerlei Versorgungsprobleme geben.

DER STANDARD: Wie hoch wird der Gaspreis 2007 sein?

Boyko: Die Preise werden so sein, dass sich beide Seiten damit wohl fühlen. Aufgrund der Preise weltweit erwarten wir eine Erhöhung. Aber die Preise werden nicht so hoch sein wie in anderen Ländern, weil unsere Wirtschaft dafür noch nicht bereit ist.

DER STANDARD: Welchen Preis erwarten Sie also – und welchen Preis verträgt die ukrainische Wirtschaft?

Boyko: Wir sind bereit für Preise, die nicht viel höher liegen als jetzt (95 Dollar pro 1000 Kubikmeter, Anm.).

DER STANDARD: Ihr Finanzminister hat von 135 Dollar als verkraftbare Grenze gesprochen.

Boyko: Das ist die pessimistischste Variante, die im Budget festgelegt worden ist. Wir haben einen Stabilisierungsfonds, falls die Preise höher sind als wir tragen können. Der Preis wird 2007 zwischen 106 und 135 Dollar liegen. Standard: Die Russen haben aber auch noch ein Wort mitzureden. Boyko: Ihre Meinung ist nicht weit von unserer entfernt. Was das Level der Preise angeht.

DER STANDARD: Also kein Konflikt.

Boyko: Nein. Standard: Inwiefern spielt die Tatsache eine Rolle, dass mit Viktor Janukowitsch wieder ein Mann an der Spitze der Regierung ist, der zu Russland bessere Beziehungen hat als beispielsweise Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko? Boyko: Die Beziehungen sind nun pragmatischer und mehr auf das Geschäft orientiert. Nicht so sehr politisch.

DER STANDARD: Langfristig werden Sie aber den europäischen Preis für Gas zahlen müssen. Wann rechnen Sie damit?

Boyko: In den nächsten drei bis fünf Jahren. Das können wir uns dann auch leisten.

DER STANDARD: In der Energieversorgung ist die Ukraine sehr von Russland abhängig. Wie wollen Sie diese Abhängigkeit reduzieren?

Boyko: So wie wir von Russland abhängen, weil wir das meiste Gas von Russland bekommen, so hängt Russland auch von uns ab: Denn 85 Prozent der russischen Gasexporte gehen durch unser Land nach Europa. Wir sind also strategische Partner und sind voneinander abhängig. Aber wir wollen unsere eigene Gasförderung um 20 bis 25 Prozent anheben, da gibt es mehrere Projekte. Jetzt sind wir bei rund 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr Eigenförderung. Wir streben zwischen 25 und 30 Milliarden Kubikmeter an, in den nächsten fünf Jahren.

DER STANDARD: Regelmäßig wird auch auf den desolaten Zustand der ukrainischen Gasleitungen verwiesen. Boyko: Es ist eine sehr alte Legende, dass unsere Leitungen gefährlich sind. Allein im nächsten Jahr werden wir rund anderthalb Milliarden Dollar in die technische Modernisierung stecken. 2002, 2003 haben wir jeweils rund eine Milliarde in die Sanierung investiert. Von technischer Seite ist es eines der zuverlässigsten Systeme in Europa, das jetzt sehr professionell gemanagt wird. (Julia Raabe, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.9.2006)

  • Zur Person
Jurij Boyko (48) ist seit August ukrainischer Energieminister. Diesen Posten hatte er bereits zwei Jahre lang im letzten Kabinett von Ministerpräsident  Viktor Janukowitsch vor der orangen Revolution inne. Er arbeitete lange in der Energiebranche, unter anderem als Chef  der staatlichen Gasfirma Naftogas.
    foto: standard/julia raabe

    Zur Person

    Jurij Boyko (48) ist seit August ukrainischer Energieminister. Diesen Posten hatte er bereits zwei Jahre lang im letzten Kabinett von Ministerpräsident Viktor Janukowitsch vor der orangen Revolution inne. Er arbeitete lange in der Energiebranche, unter anderem als Chef der staatlichen Gasfirma Naftogas.

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