Absolutes Glück und große Sorgen

11. September 2007, 14:47
3 Postings

Peter Lichts aktuelles Album heißt "Lieder vom Ende des Kapitalismus" - dem STANDARD verriet er, dass er nicht glaube, dass der Kapitalismus zu Ende sei

Graz – "Es gibt einen Ozean von Bildern, alles muss sich über Bilder beweisen. Ich misstrau’ diesem Mechanismus", erklärt der zerbrechlich wirkende blonde Mann mit den klaren Worten, der bei Fernsehauftritten nur ohne Gesicht gezeigt werden darf, und auch auf seiner aktuellen CD "Lieder vom Ende des Kapitalismus" eine Silhouette bleibt.

"Ich will, dass meine Texte für sich stehen und ich will nur den Leuten, die mich live sehen, ins Gesicht gucken", erzählt PeterLicht nach seinem Konzert am Samstag, zu dem über 350 ins ausverkaufte Festivalcenter des "steirischen herbstes" kamen. Das Bekenntnis zum Mehrspartenfestival, das sich heuer in fast jeder Produktion manifestiert, erfüllte auch Licht.

Neben handgemachter Musik, für die seine beiden Begleitmusiker auch mal auf einem Pappkarton Schlagzeug spielten, gab es auch Lesungen aus Lichts Buch zur CD. Denn Licht ist nicht nur der Popmusiker, der vor sechs Jahren mit seinem harmlosen "Sonnendeck" bekannt wurde. Im Februar wurde in den Münchner Kammerspielen "Wir werden siegen. Und das ist erst der Anfang" nach seinen Texten und Melodien uraufgeführt.

Ausgerechnet "Wir werden siegen" bekam man in Graz nicht zu hören, dafür ging es mit dem Titel gebenden "Lied vom Ende des Kapitalismus" gleich in medias res: "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner ist uns lang genug auf der Tasche gelegen". Es folgten poetisch-stille Songs wie "Das absolute Glück", "Das unentspannte Wettentspannen" oder der schon ältere, erstmals live dargebotene "Wolf im Fuzzipelz" – die allesamt vorführen, wie todernst Witziges sein kann.

Nein, er glaube nicht, dass der Kapitalismus zu Ende sei, erzählt Licht dem Standard später an einem Biertisch vor dem bunt in die Nacht glitzernden Künstlerhaus: "Aber es ist eine schöne Blume, zu behaupten, er sei vorbei." Ob er ein Marxist ist? "Nein, ich bin ein Erzkapitalist – wenn wir die CDs abrechnen, da muss die Kassa stimmen. Na ja, vielleicht dann doch auch ein Marxist, aber kein Parteigänger." Und zu den vielen Menschen, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen, gehöre auch er. "Ich weiß ja nicht, wie das in Graz ist. Hier sieht ja an der Oberfläche alles sehr gediegen aus."

Doch Oberflächen kann man knacken, und weil "gemeinsam singen befreit", teilte Licht beim Konzert Texte aus und brachte die "herbst"-Klientel, die sich das überteuerte Bier an der Bar holte, dazu, lauthals in den Refrain einzustimmen: "Wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt!" (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2006)

  • Aktuelles Album von Peter Licht: "Lieder vom Ende des Kapitalismus"
    foto: peter licht

    Aktuelles Album von Peter Licht: "Lieder vom Ende des Kapitalismus"

Share if you care.