Auf Schiene gebracht

Mit dem Luxuszug Royal Scotsman bringt man ein Anwesen aus dem 19. Jh., eines der besten Restaurants Großbritanniens und die spektakulären Highlands ins Rollen

Wie "Royal" kann der Normalbürger werden? Sehr. Der Zauberspruch reicht vielleicht nur für drei Tage und drei Nächte, aber wie Cinderella findet man sich plötzlich in einer Welt, die man ausgestorben glaubt, oder in die einzudringen man nicht geboren wurde.

Die Rede ist von einer Reise im "Royal Scotsman", einem vornehmen Anwesen auf Rädern, das seine Gäste edel auf entlegenen Schienen durch Schottland trägt. Durch die schönsten Täler, an glitzernden "Lochs" vorbei, vernebelten Bergkuppen und mäandernden Flussläufen, durch Farnwälder und Schafherden.

Die Landschaft Schottlands ist legendär. Einsam, karg, dramatisch. Man kann sie natürlich auf den engen Straßen durchmessen oder zu Fuß, was gerne gemacht wird und wovon viele B&B (Bed und Breakfast) und aufgelassene, zum "Bunkhouse" umgebaute Bahnstationen zeugen.

Man kann es aber auch königlich tun, ganz ohne Stammbaum. Doch Etikette und Englisch sind gefragt. Abendkleidung selbstverständlich, wo-zu auch Kilts zählen: Ein komplettes "Schotten-Outfit" inklusive Sporran und seltsam geschnürter Schuhe wird für diese Anlässe gerne ausgeliehen und kostet (vorher vom Schneider Maß nehmen lassen!) zum Zug geliefert 120 € (wer diese komplizierte Kleidung besitzen will, muss mit 1500 € rechnen).

Alles fallen lassen

Und wie beginnen "Royals" den Trip? Natürlich in der First Class Lounge in Edinburgh - Gepäck wird einfach vor der Türe fallen gelassen. Dort wird man bei Champagner vom "Master of the Train", dem Steward, begrüßt, der in wunderbarem Englisch mit einer Stimme, die der Eleganz seines Anzugs entspricht, über die nächsten Stunden und Tage erzählt. Von einem Dudelsackpfeifer geleitet, schreitet das Grüppchen (nicht mehr als 36 Personen) dann durch den Bahnhof, und betritt, die letzten Meter über roten Teppich schwebend, das fahrende Schlösschen, den bordeauxroten, mit Wappen gezierten "Royal Scotsman".

Geld hat jeder, der mitfährt und für drei Tage und drei Nächte pro Person 3440 Euro zu zahlen bereit ist. Was man auf den ersten Blick nicht vermuten würde: "Elegante Freizeitkleidung" (wie sie offiziell empfohlen wird) wird von Amerikanern gerne als Hawaiihemd und Knuddelhose interpretiert. Es geht auch sonst locker zu. Man plaudert per Vornamen, sitzt zum abendlichen Dinner immer wieder an anderen Tischen und lernt dadurch die Mitreisenden locker kennen - es fühlt sich an, als wäre man Gast einer Wochenendeinladung in ein mobiles "country castle" mit ganz Schottland als Park vor der Türe.

Zügig nach Balmoral

Ein Landhaus des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Schlafwagen, Speisewagon und Salonabteil stammen aus dieser Zeit und sind detailgetreu, mit Intarsienholzmustern und Messingleuchten, Gobelinvorhängen und Kristallspiegeln restauriert. Im "Victory"-Abteil saß übrigens schon Winston Churchill. Königin Victoria und ihr Prinzgemahl Albert fanden derartige "Schienenschlösser" genehmer für eine Fahrt nach Balmoral in die Sommerfrische als Kutsche oder Auto.

Das Bad mit überraschend heißer, kräftiger Dusche wurde natürlich eingebaut. Fülligere Reisende haben immerhin den Vorteil, bei plötzlich anruckelndem Zug in der Dusche nicht umfallen zu können. Deshalb werden auch die ausgepackten sperrigen Koffer platzsparend sofort von dienstbaren Geistern (es gibt, inklusive Koch und Maschinenmeister, 14) zum Verschwinden gebracht und tauchen dann bei der Abreise vor der Abteiltüre wieder auf.

Apropos ruckeln: Zwar steht der Zug nachts, um niemanden aus den Betten fallen zu lassen, aber beim Frühstück wird gerne umrangiert, was zu immer wieder tee- und kaffeegetränkten Tischtüchern führt. Auch Make-up wird zum Balanceakt, aufwändige Lidstriche und präziser Lippenstift zum Problem. Auch einige Rasurblessuren sind manchmal beim Frühstück zu erkennen. Doch da dieses Problem alle haben, findet man auch hier wieder Gesprächsstoff, was den Verdacht aufkeimen lässt, dass diese plötzlichen Rumpler, denen oft, wenn man sich wieder in Sicherheit wiegt, ein perfider zweiter folgt, vom "Zugzeremonienmeister" sorgfältig geplant sind.

Wer zu spät kommt ...

Wie jedes Detail minutiös geplant ist. Teilweise natürlich wegen der Fahrpläne, die wirklich auf die Sekunde eingehalten werden müssen, kostet doch auf Hauptstrecken eine einzige Minute selbstverschuldeter Verspätung den "Royal Scotsman" 1200 Euro. Aber auch, weil das eben in der Upperclass so sein soll (vermutet die Verfasserin). Man wird umhegt und umsorgt wie ein erwachsenes Kind. Es gibt keine Verantwortung, es muss nichts bezahlt werden, es bleiben keine Fragen offen, selbst die, die einem gar nicht einfallen (oder erst zu spät einfallen würden), werden beantwortet.

Was man vergeblich verlangen würde, ist ein Fernseher. Würde, denn auf die Idee kommt man nicht so schnell bei nettem Geplauder und Abendprogramm, wie Harfenistinnen oder historischen "Braveheart"-Darstellungen. Vergeblich sucht man auch nach einem Aschenbecher: Es gilt striktes Rauchverbot, und selbst abends, wenn man zur Nachtruhe in kleinen Bahnhöfen "in den Stall gestellt wird" ("We will be stabled in ..."), ist dort meist ebenfalls Rauchen nicht erlaubt.

Highlander mit Martini

Sonst wird einem jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Der rauchigste Spezial- whisky, Champagner auf der Aussichtsplattform, Oliven im Martini beim Schiffsausflug auf einem der Lochs, Tee oder Kaffee mit Baileys (köstlich!) zum Spazieren über den Sandstrand - denn Ausflugsprogramme gibt es täglich: Kilt- erzeugung, Tontaubenschießen, Whiskydestillerien, Lachsfarmen, Highland-Rindfarmen, Hochmoore - was den Highlander halt so beschäftigt und umgibt, wenn er aus seinem Schloss tritt. So wird jeder Gast, egal wer er ist oder woher er kommt, zu einem Teil der vornehmen Welt: Junge Hochzeitsreisende haben diese schon zelebriert, indem sie sich für die Zugreise in der Kleidungseleganz der Dreißigerjahre zeigten.

Natürlich kann man um einen Bruchteil des Geldes viel luxuriöser und bequemer Urlaub machen. Doch hier erlebt man wahre Eleganz. Das ist einmalig - und bleibt unvergesslich.(Elisabeth Hewson/Der Standard/23./24.9.2006)

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3 Postings
Königin Victoria und ihr Prinzgemahl Albert fanden derartige "Schienenschlösser" genehmer für eine Fahrt nach Balmoral in die Sommerfrische als Kutsche oder Auto.

Ähem,

Victoria (Alexandrina Victoria; 24 May 1819 – 22 January 1901)

Prince Albert of Saxe-Coburg and Gotha, Duke in Saxony (Franz August Karl Albert Emanuel; later HRH The Prince Consort; 26 August 1819 - 14 December 1861)


Mit dem Auto nach Schottland gefahren??

da gibt es in oesterreich auch was feines

edler zug, so macht reisen noch sinn. bei uns gibt es etwas aehnliches, ohne uebernachtung zwar, aber dafuer mit schoenen dinnerfahrten: majestic imperator

www.imperialtrain.com


Ganz schön sophisticated der Livingroom

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