Bremen: Jenseits der Stadtmusikanten

3. Oktober 2006, 16:11
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Das Musikfest lockt mit Stars

Der Monat September ist allgemein des Kritikers Urlaubszeit, die Großfestivals sind vorüber und die neuen Spielzeiten an den deutschen Theatern und Opernhäusern beginnt erst. In die 'Marktlücke' stößt seit 17 Jahren das Musikfest Bremen. Gegründet und geleitet vom Barockgeiger Thomas Albert, hat es sich als deutschlandweit bekannte Marke etabliert, sodass man bei den Worten "Bremen" und "Musik" nicht mehr nur an die Stadtmusikanten aus Grimms Märchen denkt.

Albert begann einst als Notenumblätterer bei Nikolaus Harnoncourt und spielte sich dann zwei Jahrzehnte lang durchs Barock, bis er Lust aufs Intendanten-Sein bekam und in seiner Heimatstadt das Festival erfand.

Die Vielfalt

Das Konzept ist ebenso eigenwillig wie (viel)stimmig, denn Albert will ein breites Publikum ansprechen, ohne dem reinen Mainstream zu folgen. So gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Richtungen, von mittelalterlicher Musik über Chansons und Romantik bis hin zu Crossover-Projekten. Auch die Neue Musik hat Platz, dieses Jahr lud man etwa die russische Komponistin und Klaviervirtuosin Lera Auerbach ein, ihre klangsinnlichen, zuweilen rau-minimalistischen Werke vorzustellen.

Einige Stücke entstanden in der Hansestadt, denn Auerbach hatte für die Dauer eines Jahres freie Kost und Logis in Bremen. Solche Aktionen sind nur mittels Sponsoren möglich, und in diesem Punkt erweist sich Albert als fähig. So wird etwa die lokale Wirtschaft konsequent um finanzielle oder räumliche Mithilfe gebeten, es gibt dreißig Projektsponsoren, von denen einige auch den Aufführungsort stellen, sodass man an den Bremer Überseehafen, in ein Kaffeelager oder sogar ins Landgericht geführt wird. Ebendort performte Kristjan Järvis Absolute Enemble zur Eröffnung "Arabian Nights", einen Mix verschiedener Stile.

Volle Altstadt

Die Eröffnung wird jedes Jahr als Fest für alle Bremer inszeniert, mit Lichtprojektion in der Altstadt und einem Riesenprogramm. Mit einem Universalticket kreiert man sich aus rund 20 Veranstaltungen sein individuelles Dreigängemenü, Geschmacksrichtungen sind zum Beispiel hispanische Musik des 12. Jahrhunderts, Mozart-Arien oder romantische Harfenmusik.

Das Musikfest hat einen Etat von 2,7 Millionen Euro, damit werden etwa 800 Künstler in 40 Veranstaltungen an 18 Spielorten 'versorgt' - die öffentliche Hand gibt 700.000 Euro dazu. Damit leistete man sich heuer immerhin Stars wie Dirigent Marc Minkwoski und Sängerin Anne Sofie von Otter, das Amsterdamer Baroque Orchestra, die Pianistin Hélène Grimaud oder eine Gala mit Vokalistin Vesselina Kasarova. Auch eine echte Ausgrabung war im Spielplan: Antonio Vivaldis "Orlando furioso".

Um auch szenische Oper bieten zu können, ist das Musikfest auf Partner angewiesen. Um dabei eine besonders hohe Qualität zu gewährleisten, reiste Intendant Albert mehrfach nach Salzburg und überredete die Festspielleitung bald zu einem ersten Kooperationsprojekt: Es wurde Mozarts Mitridate auch in Salzburg ein Glanzstück von mozart22 - wie auch Il re pastore (mit Thomas Hengelbrock), das zweite Kooperationsstück.

Sehr erfreulich sind in Bremen übrigens auch die moderaten Kartenpreise. Für ein Salzburger Ticket bekommt man hier neben der Opernaufführung fast schon die Anreise sowie eine Übernachtung im gutbürgerlichen Hotel inklusive & (Jörg Florian Fuchs aus Bremen / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.9.2006)

  • Romantische Ekstase in Bremen: die französische Pianistin Hélène Grimaud.
    foto: standard/ hendrich

    Romantische Ekstase in Bremen: die französische Pianistin Hélène Grimaud.

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