Thom Yorke: "The Eraser"

    29. Oktober 2006, 16:52
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    Vom Wirken einer Zentrifuge oder Radiohead minus dreieinhalb: Ein herbstliches Album von Thomas Edward Yorke

    Der Sommer ist vorüber, doch keineswegs am Verblühen und Vergehen ist "The Eraser", das Album von Thom Yorke, Frontmann der britischen Band Radiohead. Bereits im Juli erschienen, passt es inhaltlich und musikalisch doch besser in eine Jahreszeit, in der die Tage kälter und kürzer, die Nächte länger werden: denn düster und melancholisch wie eh und je besingt Yorke auf "The Eraser" Außenseitertum, Apathie, Entfremdung, Resignation und so manch kurze Lichtblicke.

    Nicht nur in thematischer, auch in musikalischer Hinsicht könnte Yorkes Album genauso vom ganzen Quintett Radiohead stammen, von einer Band, die seit ihrer Neugründung vor rund 15 Jahren aus derselben Besetzung besteht. Zwar sind die neun Tracks auf "The Eraser" mit mehr elektronischen Elementen gespickt als die bisherigen Radiohead-Alben, in deren Schubladen hätten sie jedoch allemal gepasst.

    Zentrifuge

    "The Eraser" ist dennoch kein Solo-Album im herkömmlichen Sinn, wenn man Nigel Godrich, als Produzent der Radiohead- Alben die versteckte Nummer Sechs der Band, und seine "Extra-Instrumenten" auf "The Eraser" dazuzählt. Radiohead- Keyboarder und Gitarrist Jonny Greenwood ist im Titelsong mit dem Tasteninstrument ebenso vertreten. So gesehen ist The Eraser vielmehr "Radiohead minus dreieinhalb". Oder, wie ein Rezensent schreibt, "eine Zentrifuge, welche die Einflüsse von Radiohead abschöpft".

    "Der Ausradierer" weicht nicht wirklich davon ab, was Radiohead ausmacht, wenngleich Yorke allein schon durch seinen distinktiv Falsett-ähnlichen Gesang mit Hang zu langen, hohen Tönen, auf diesem Album noch deutlicher als sonst hervorsticht. Die Melodien und Rhythmen sind hingegen einfacher gestrickt, sie werden meist von minimalistischen Klängen gespeist, von denen Keyboard- und Piano-Klänge am deutlichsten hervorstechen. Deren Tasten und Seiten strukturieren die Songs, die vorwiegend mit simplen elektronischen Piepstönen untermalt sind. Auch vermisst man Traurigkeit und Klagen vergeblich: die Texte sind ohne viel Drumherum wie ein einzig langes Seufzen, das sich durch die Musik noch steigert. Sogar die Gitarre auf Skip Divided klingt, als ob sie winseln würde.

    Politik und Verantwortung

    The Eraser ist auch politischer und direkter, als die bisherigen Radiohead- Alben. Harrowdown Hill, benannt nach einem Waldstück in Oxfordshire, in dem David Kelly, als Waffenexperte angeblich die Hauptquelle für einen Bericht der BBC über irakische Massenvernichtungswaffen verantwortlich, tot aufgefunden wurde. Yorke monologisiert über Furcht und Hoffnungslosigkeit. Die bildhafte Reise in die letzten Momente von Kelly wird begleitet von einer einfachen aber umso eindringlicheren Bass-Linie sowie gespenstisch anmutenden Orgelklängen. In einem Interview meinte Yorke, dass Harrowdown Hill jedoch nicht nur den Selbstmord des Waffenexperten thematisiere, sondern auch Verantwortung und Aktivität: "Wir denken daran, wir sprechen darüber, wir wissen von den Manipulationen, aber nichts ändert sich."

    Das "Vollmondlied" And It Rained All Night wiederum besticht durch seine Einheit von Schlagzeug und Stimme und kommt einer musikalischen Untermalung zum Cover von Stanley Donwood gleich, welches eine König Knut- Figur beim Versuch zeigt, eine riesige Flutwelle zurückzuhalten. Auch der Text passt zur Musik: teils apokalyptisch wird die unbestreitbare Gewalt der Natur vor Augen geführt, die uns gegen Ende des Liedes mit einer Flut an Adjektiven vorgeführt wird.

    Zeitfaktoren

    Dunkelheit und Verzweiflung werden abermals transportiert, wenn man Stücke wie The Clock hört, die Nummer drei und gleichzeitig das erste Stück des Albums, das Gitarrenelemente mit einbezieht. Von Summen und Ticken dominiert begleitet uns ein Text, in dem die Zeit verrinnt, und sich doch nichts ändert. Die Unmöglichkeit, aus seiner eigenen Geschichte zu entfliehen, und die Dringlichkeit, Verantwortung zu zeigen, setzt sich fort in Atoms for Peace und Black Swan. Das Thema Zeit wiederum bestimmt nicht nur die Nummer Zwei des Albums Analyse, sondern auch das zukünftige Schaffen der Band als ganzes: Im Moment werken alle fünf Bandmitglieder an einem neuen Album, das 2007 erscheinen soll. Nachdem Radiohead an keinen Plattenvertrag mehr gebunden sind, haben sie alle Freiheiten, den Tonträger nach ihrem Geschmack zu gestalten und beenden. Wir dürfen gespannt sein, ob dieser Umstand neue Energien freisetzen wird. (cra)

    Links

    theeraser.net

    radiohead.com

    Interview und Live-Session mit Thom Yorke auf XFM

    The Guardian: This theatre of the absurd- Thom Yorke über Tony Blair, Massenvernichtungswaffen und den Hutton-Report zur BBC

    •  Thom Yorke: The Eraser,
(Xl/Beggars, Indigo/Edel 2006)
      foto: xl/edel

      Thom Yorke: The Eraser,
      (Xl/Beggars, Indigo/Edel 2006)

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