"Ist der Onkel verrückt geworden?"

3. Oktober 2006, 15:39
51 Postings

20 Jahre ohne Helmut Qualtinger: Kabarettist Alfred Dorfer im Gespräch mit Qualtinger-Weggefährte Gerhard Bronner

Alfred Dorfer: Herr Bronner, ich kannte Qualtinger nicht persönlich, Sie schon, Sie haben mit ihm gearbeitet, hatten ein emotionales Verhältnis zu ihm. Als er 1986 gestorben ist, war ich erst am Anfang meiner Kabarettlaufbahn. Ich werde immer gefragt: Haben Sie Vorbilder? Ich glaube, dass man als Kabarettist keine Vorbilder haben sollte. Für mich war Qualtingers Form der Kabarett-Auffassung das, was man ein Vorbild nennen könnte, nicht im Sinne einer Nachahmung, sondern im Sinne eines Ansatzes.

Gerhard
Bronner:
Für mich beginnt der Kabarettist dort, wo er nicht nur auswendig lernt, was andere geschrieben haben. Er steht auf der Bühne und verkauft sich mit seinen Meinungen und Polemiken. Was das betrifft, war der Qualtinger sehr schwer zu definieren. In den frühen Jahren war er in unserem Team der am meisten begabte Schreiber. Er hat dem Volk auf den Mund geschaut und konnte das wunderbar kondensieren.

Dorfer: Qualtinger ist für mich eine Kunstfigur. Es gibt Legenden und Gerüchte, die wachsen in Wien sehr schön. Wenn man die Hälfte glaubt, ist man noch immer schlecht dran. Ich bin mit den Liedern und Texten aufgewachsen und spielte sogar im zweiten Jahr meiner Schauspielausbildung den Herrn Karl als Rolle.


Bronner:
Es ist heute so, dass man der Legende Qualtinger zuliebe den Carl Merz vergisst, der 95 Prozent des Herrn Karl geschrieben hat. Ich persönlich trauere um den Schriftsteller Qualtinger. Wenn er nicht so ein erfolgreicher Darsteller geworden wäre, hätte er Wesentliches schreiben können.

Dorfer: Woran hat es gelegen, dass er das nicht gemacht hat?
Bronner: Am Geld. Mit zunehmenden Jahren hatte er mehr Erfolg als Darsteller und hat sein Geld damit viel leichter verdient. Er bekam Theaterangebote und bekam mehr als die dreifache Gage als bei mir im Kabarett. Kabarett hat er nur gespielt, wenn er nichts Besseres hatte.

Dorfer: Wie haben Sie und Qualtinger sich eigentlich kennen gelernt?
Bronner: Das war im Garten der Pratersauna. Ich lag im Liegestuhl und sehe einen Menschen mit einer schlecht sitzenden Badehose und einer prall gefüllten Aktentasche. Der einzige freie Liegestuhl war der neben mir. Qualtinger fragt, ob er sich setzen kann. Ich frage: "Was ist das für eine Aktentasche?" "Das sind meine gesammelten Werke." "Ah, Sie schreiben?" "Ja, ich schreibe." "Was schreiben Sie?" "Was mir der Tag so zuträgt." Herr Dorfer, Sie kennen Peter Altenberg? Von dem gibt es ein Buch mit diesem Titel. Und ich habe mich gewundert, dass ein Mensch, der in der Nazi-Zeit aufgewachsen ist, Peter Altenberg kennt und zitieren kann. "Sie kennen Peter Altenberg?" "Ja sicher", sagte der Qualtinger, "ich bin doch kein Analphabet." Und nach einer längeren Pause fragt er mich: "Sind Sie an Literatur interessiert?" "Wie kommen Sie drauf?", frage ich. "Na, weil Sie Peter Altenberg kennen!" Dann hat er mir vorgelesen. Mir hat die Art des Vorlesens besonders gut gefallen, wie er für jede Rolle einen eigenen Duktus hatte. Ich habe mir seine Adresse notiert, das hätte ich nicht tun sollen.

Dorfer: Warum denn nicht?
Bronner: Weil ich ihn gefragt habe, ob er gemeinsam mit mir, dem Kehlmann und dem Merz Kabarett schreiben möchte. Am Anfang war er der markanteste Schriftsteller von uns. Er hätte nie auf die Bühne gehen sollen. Er war am Theater eine Erscheinung, aber ein Kurzstreckenläufer und kein bedeutender Schauspieler. Als Kabarettist habe ich nie einen Besseren gesehen.

Dorfer: Der Qualtinger hat dann aber mit dem Kabarett aufgehört?
Bronner: Als der Oskar Fritz Schuh zu ihm sagte: Ich möchte, dass Sie Richard III. spielen. Daraufhin hat er in den Zeitungen verlauten lassen, er wird bald den Richard III. in Köln spielen und das Kabarett aufgeben. Das Kabarett hat er aufgegeben, aber Richard III. hat er nie gespielt.

Dorfer: Im Prinzip sind Schauspielerei und Kabarettdarstellung etwas vollkommen anderes. Schauspielerei ist die Kunst, die Texte Fremder zu interpretieren als wären sie die eigenen.
Bronner: Im Kabarett hingegen muss man immer neben sich stehen. Man darf sich nicht wirklich mit dem Menschen identifizieren, den man auf der Bühne darstellt. Der Qualtinger hat mich aber als Autor inspiriert, wie kaum ein anderer. Er wirkte wie ein Katalysator. Er konnte Menschen, denen er überhaupt nicht ähnlich war, so imitieren, dass man zum Beispiel plötzlich das Gefühl hatte: Das ist der Häussermann!

Dorfer: Sie meinen den damaligen Burgtheater-Direktor.
Bronner: Ja, da gibt es eine schöne Anekdote. Über den musste ich mich sehr ärgern und ich habe eine böse Nummer geschrieben. Ich erzählte dem Qualtinger, was mir der Häussermann angetan hatte. Der Häussermann hatte noch alle Fäden gesponnen, damit die Nummer gestrichen wird. Es wurde mir sogar Geld geboten. Nach rund 80 Vorstellungen kam ein deutscher Schauspieler zu uns und sagte: Das Programm finde ich großartig, aber hat sich der Häussermann das verdient? Darauf der Quasi: Sie wissen gar nicht, was der mir angetan hat. Und erzählte exakt die Geschichte, die der Häussermann mir angetan hatte. Mitten in der Erzählung streift mich sein Blick: "Bronner, du warst doch dabei!" Das grenzt ein bisschen an Paranoia.

Dorfer: Oder an totale Identifikation mit der Rolle. Interessant: Man hat versucht, die Nummer aus dem Programm zu intervenieren?
Bronner: Das ist immer wieder passiert. Wir waren für die damalige Zeit sehr polemisch. "Der Papa wird’s schon richten", die Geschichte mit dem Ministersohn, der einen Menschen tot gefahren hat und dessen Vater das dann planiert hat, hätten wir am Theater nicht bringen können. Die Nummer wurde im Fernsehen ausgestrahlt, da konnte niemand mehr etwas dagegen tun.

Dorfer: Heute haben Politiker zu viel Angst, sich mit einer Intervention zu blamieren, und Skandale fallen in den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Wir sind mit "Dorfers Donnerstalk" in einer günstigen Zeit gestartet, vielleicht als Feigenblatt, weil der ORF schon den Ruf hatte, Regierungsfunk zu sein. Als eine Sendung verschoben wurde, hatte wir mehr Aufmerksamkeit als vorher. Aber politische Interventionen dringen nicht bis zu mir, die werden im ORF abgefangen.
Bronner: Ich wundere mich immer, wie Sie das heute über die Bühne bringen. Ich habe jahrelang Kabarett im ORF gemacht. In der Ära Bacher kam der Knöbl, und damit war das polemische Kabarett tot, weil er sich bei jedem Angriff bei den Angegriffenen erkundigt hat, ob die damit einverstanden sind.

Dorfer: Dann wird das schwierig. Der "practical joke" macht gerade wieder Furore – siehe Westenthaler und die Halbmond-Gipfelkreuze oder auch die Geschichte um die Pflegerin der Familie von Bundeskanzler Schüssel. Geht diese Tradition auf Qualtinger zurück?
Bronner: Der "practical joke" war sicher seine Idee, da gab es köstliche Viechereien. Qualtinger hat, wenn er auf Leute böse war, versucht, denjenigen reinzulegen. Das konnte er gut. Die meisten dieser Geschichten haben bei mir stattgefunden, weil man bei meinem Telefon die Antworten der Angerufenen verstärken konnte. Da war dann immer Publikum dabei.

Dorfer: Haben Sie das hoffentlich aufzeichnen können?
Bronner: Das wäre möglich gewesen, aber leider nein. Sehr schade für uns!
Bronner: Qualtingers Meisterstück war der Eskimo-Dichter Kobuk. Er hat auf PEN-Club-Briefpapier eine Aussendung an sämtliche Kulturredakteure des Landes verschickt, um zur Ankunft des berühmten Eskimo-Dichters Kobuk zu laden. Er hat eine ganze Biografie erfunden und mit der Ausnahme einer kommunistischen Zeitung haben alle darüber geschrieben. Der Qualtinger wurde lange von den Zeitungen boykottiert. Später kam eine neue Generation, die gemeint hat, dass man den Qualtinger nicht übersehen darf. Er hat dann die Hymnen über sich zu ernst genommen und sich sehr verändert und den Star herausgekehrt – auch uns gegenüber, die ihm die Texte geschrieben haben. Es kommt dazu, dass seine Frau ihn bestärkte, die meinte: Die ganze Bagage am Theater lebt nur von dir. Es war mit der Zeit kein Vergnügen mehr, mit ihm zu arbeiten.

Dorfer: Ihr Verhältnis wirkt nicht gerade unkompliziert. Waren Sie nur Kollegen oder tatsächlich befreundet?
Bronner: Wir waren befreundet. Kurz nachdem wir uns kennen lernten, hat ihn sein Vater rausgeschmissen. Der war ein alter Nazi und hat entdeckt, dass der Quasi etwas für eine kommunistischen Zeitung geschrieben hat. So stand der Qualtinger eines Tages vor meiner Wohnungstür und sagte: "Ich muss bei dir schlafen." Da hab ich ihn im Kinderzimmer einquartiert, in dem der Ossi lag. Der Ossi, gerade sechs, sprach mit mir meist Hebräisch. Und er fragte auf Hebräisch: "Wer ist dieser Onkel?" "Was sagt er?", fragte der Qualtinger. "Der erkundigt sich, wer du bist", sagte ich. Daraufhin der Qualtinger zu Oscar: "Ich bin der Weihnachtsmann und muss mich gut ausruhen, damit ich dir am Weihnachtsabend Geschenke bringen kann. Der Ossi hatte natürlich keine Ahnung, was ein Weihnachtsmann ist und fragte mich auf Hebräisch: "Ist der Onkel verrückt geworden?" Der Qualtinger hat dann lange bei uns gewohnt. Ich war nicht immer gut mit ihm, mein Sohn immer.

Dorfer: Wenn der Weihnachtsmann im Zimmer auftaucht, merkt man sich das.
Bronner: Scheint so. Als der Qualtinger und ich nach 15 Jahren wieder zusammenkamen, saßen wir in der Eden Bar. Während ich auf Zigaretten warte, schaut mich der Quasi an und sagt: "Ich kenne Ihren Sohn!" "Du Trottel, seit wann sind wir per Sie?" Na, dann waren wir wieder gut, obwohl, den großen Krach zwischen uns gab es nie. Seine Frau wollte immer, dass er sich von mir emanzipiert.

Dorfer: Die imposante Figur Helmut Qualtinger soll ja ursprünglich einmal dünn gewesen sein.
Bronner: Das stimmt. Der Qualtinger hat seine entsetzliche Frau in einer Hose geheiratet, die ich ihm geborgt habe. Er hatte eine Schilddrüsenunterfunktion und ist in kurzer Zeit von einem Normalgewicht auf 130 Kilo angewachsen. Er war als dünner Mensch konzipiert und hatte bis an sein Lebensende dünne Beine und Arme, richtige Pianistenhände, nur dass er nicht spielen konnte. Ein befreundeter Arzt sagte damals: Du musst was unternehmen. Da sagte der Quasi: Nein, die Mädi, das war seine Frau, steht auf blade Männer. Oft hab ich auch gesagt: Sauf nicht so viel. Dann hat die Mädi mir gesagt: Nur, weil du ihm eine Hose geschenkt hast, ist das noch lange kein Grund, ihm vorzuschreiben, was er trinken darf.

Dorfer: Ich habe vor Jahren etwas über die posthume Umarmung des Qualtinger geschrieben. Jeder hat ihn gekannt, jeder hat ihn geliebt und jeder hatte schon immer gewusst, wie toll er ist.
Bronner: (holt sein Buch, das er über Qualtinger geschrieben hat, aus dem Regal und zitiert): "Ich glaube nicht, dass es in Österreich sobald eine Begabung wie Helmut Qualtinger geben wird. Aber, wenn dieser unwahrscheinliche Glücksfall irgendwann eintreten sollte, dann kann ich nur inständigst hoffen, dass diese Begabung die Chance haben wird, sich frei und ungehindert zu entfalten, dass sie nicht vorzeitig zur Legende hochstilisiert wird und dass sie nicht, wie eine Kerze, die an beiden Enden brennen muss, zu früh erlöscht." (Dokumentation: Mia Eidlhuber, ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.9.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Qualtinger-Weggefährte Gerhard Bronner (Jahrgang 1922) und Next-Generation- Kabarettist Alfred Dorfer über die Legende und den Menschen Helmut Qualtinger (8. Oktober 1928 bis 29. September 1986).

Share if you care.