Wikipedia: "Wir sind in der physischen Welt angekommen"

2. Oktober 2006, 10:10
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Vorstandsmitglied des Trägervereins Mathias Schindler im Interview über die weitere Reise der Online-Enzyklopädie

Wikipedia zählt seit der Gründung im Januar 2001 zu den ganz großen Phänomenen der Netzkultur. Allein die deutschsprachige Variante fasst mittlerweile rund 470.000 Artikelbeiträge registrierter wie anonymer Autoren. Sie wird derzeit von mehr als 7.000 Autoren regelmäßig betreut. Im pressetext-Interview am Rande des diesjährigen Internet Summits gab Mathias Schindler, Vorstandsmitglied des Trägervereins Wikimedia, Auskunft darüber, wohin die Reise der freien Online-Enzyklopädie gehen könnte und warum man schon jetzt in der physischen Welt angekommen ist.

Frage: Herr Schindler, wie wird man eigentlich Vorstandsmitglied bei Wikimedia?

Schindler: Ich bin 2003 als Autor dazugekommen. Neben dem Schreiben von Artikeln habe ich dabei geholfen, ein bisschen aufzuräumen und Fehler zu korrigieren. Ich habe mich dann mit ein paar Leuten getroffen, die ebenfalls stärker involviert waren und begonnen E-Mails zu beantworten. Aber es war ja alles informell und chaotisch damals, was schließlich ein wichtiges Argument für die Gründung des Vereins Wikimedia gewesen ist. Im vergangenen Jahr wurde ich dann erneut in den Vorstand gewählt.

Frage: Wie ist der deutsche Verein in die Struktur des globalen Wikipedia/Wikimedia-Netzwerks eingebettet?

Schindler: Die Wikimedia Foundation in den USA ist der Betreiber von Wikipedia. Damit können wir vom deutschen Wikimedia-Verein auch nicht in die Problemsituation kommen, dass Menschen mit rechtlichen Belangen sich an uns wenden. Man möchte zwar rechtlich verantwortlich sein, aber nur an einem Ort - in Florida - und nicht in 35 verschiedenen Staaten. Das wäre sonst ein Kuddelmuddel.

Frage: Stellt die rasant wachsende Größe Wikipedia zunehmend vor ein Finanzierungsproblem?

Schindler: Die Kosten steigen zweifelsohne, aber nicht so schnell, wie die Größe des Projekts anwächst. Im Moment hat die Foundation daher auch genug Geld, um den Betrieb sicherzustellen. Die Spenden sind unglaublich vielzählig. Von der Ein-Euro-Spende als Dank für die Klausurvorbereitung bis zu 1.390-Dollar-Aufwendungen - der Preis einer Encyclopädia Britannica - ist alles dabei.

Frage: Larry Sanger, einer der Mitbegründer von Wikipedia, hat die verstärkte "Amateurausrichtung" kritisiert und will in einem Abspaltungsprojekt mehr Akademiker zur Mitarbeit bewegen. Ist seine Kritik berechtigt?

Schindler: Larry Sanger möchte die Inhalte von Wikipedia nehmen und in einem anderen Klima weiterentwickeln. Das darf er, das erlaubt die Lizenz, und wenn es funktioniert, werden diese Inhalte auch wieder für uns nutzbar sein. Was seine Kritik betrifft, halte ich aber einige Annahmen von ihm für unbewiesen. Eine Untersuchung der Universität Würzburg hat beispielsweise gezeigt, dass beinahe alle aktiven User der deutschsprachigen Wikipedia einen universitären Background haben. Genauso nimmt die Qualität der Beiträge ständig zu.

Frage: Sollte Wikipedia in Zukunft verstärkt auf professionelle Autoren setzen?

Schindler: Professionelle Autoren in dem Sinne, dass sie bezahlt werden, gibt es bei uns nicht. Professionell im Sinne, dass es Autoren gibt, die an Universitäten beschäftigt sind und in der Freizeit über ihr Fach schreiben, gibt es hingegen viele. Natürlich wollen wir in Zukunft noch mehr gute Autoren für das Projekt gewinnen - dafür werben wir auch verstärkt.

Frage: Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen der deutschsprachigen und englischsprachigen Community? Hat die vor kurzem eingeführte Registrierungspflicht für Autoren der englischen Variante die Qualität verbessert?

Schindler: Die Communities sind natürlich nicht ländergekoppelt, da jeder Anwender auf jeder gewünschten Plattform und Sprache schreiben kann. Wenn es um Qualität geht, war die deutschsprachige Community allerdings immer die innovativere. Ich denke da zum Beispiel an die Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek, wo wir die ersten waren. Was das Registrierungsexperiment betrifft - das hat keinen durchschlagenden Erfolg gebracht. Menschen melden sich halt an, aber es ändert nichts.

Frage: Viele Internetphänomene bleiben auf das Netz beschränkt und schaffen die Brücke in die physische Welt nicht. Krankt das Wikipedia-Konzept am selben Problem?

Schindler: Eine comScore-Umfrage hat aufgezeigt, dass von 600 Mio. Menschen, die an einem Tag im Juli 2006 online waren, rund 127 Mio. Menschen Wikipedia besucht haben. Das ist für mich der Beweis, dass wir längst in der realen Welt angekommen sind. Darüber hinaus haben wir mit einer Taschenbuch-Reihe und einer Wikipedia-DVD-Rom-Ausgabe weitere Brücken in die physische Welt gebaut. Am Ende des Tages sind manche Limitierungen jedoch so groß, dass man sich fragt: Will man das überhaupt?

Frage: Ist das angekündigte Enzyklopädien-Buch-Projekt damit gestorben?

Schindler: Natürlich wäre es toll, eine gedruckte Enzyklopädie in den Händen zu halten. Für die 3.000 Euro, die so ein Werk kostet, kann man sich aber auch ein Notebook kaufen und eine Flatrate für zwei Jahre dazu und bekommt Wikipedia obendrauf. Da bin ich dann wieder nicht ganz überzeugt, dass dies das Essentielle schlechthin ist.

Frage: Wo sehen Sie das Wikipedia-Projekt in fünf bis zehn Jahren?

Schindler: Ich habe keine Glaskugel, die es mir ermöglicht länger als sechs Monate in die Zukunft zu sehen. Es gibt natürlich eine Reihe von Ansatzpunkten, wohin die Reise gehen kann. So sind zum Beispiel Fachredaktionen denkbar, die sich auf freiwilliger Basis aktiv und dauerhaft um bestimmte Themenbereiche kümmern. Darüber hinaus gibt es hervorragende Plattformen wie beispielsweise Google Co-op, die strukturierte Inhalte näher an Anwender heranbringen wollen. Den Rohstoff - die Information dafür - haben wir.(pte)

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