Co-Kurator Ernst Kieninger: Ein österreichisches Filmarchiv für alle

30. Juli 2009, 11:22
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Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchivs Austria und Co-Kurator der Edition, erzählt über die mitunter komplizierte Material- und Quellenlage im heimischen Kino

Eine Filmauswahl, die auch etwas über die Zusammenhänge von Film, Gesellschaft und Geschichte aussagt.


Der 1. April 2000 trifft auf Die Ausgesperrten, rohe Perlen der Filmakademie auf international gefeiertes Kunstkino wie Die Klavierspielerin, heimische Blockbuster wie Hinterholz 8 auf Fundstücke wie Die Verwundbaren, ein heimischer Nouvelle-Vague-Beitrag, der hier zu Lande ohne Kinostart blieb.

Skizzen und Umrisse eines schillernden, vielschichtigen, oft widersprüchlichen Kinokosmos nehmen Kontur an, 50 Markierungspunkte legen Fährten für einen aufregenden Parcours durch ein halbes Jahrhundert österreichischer Laufbildproduktion, bildmächtige Momente des kollektiven Gedächtnisses stehen neben Augenblicken der Irritation und des Widerständigen, Strömungen und Gegenbewegungen werden in der Zusammenschau sichtbar.

Die vom Verleger Georg Hoanzl gemeinsam mit dem Standard und dem Filmarchiv Austria herausgegebene DVD-Edition versammelt wesentliche Beispiele hiesigen Filmschaffens der letzten 50 Jahre. Es ist eine Kollektion, die explizit keine Kanonisierung, sondern vielmehr Diskurs anstrebt, eine Auswahl, die auch etwas über Zusammenhänge zwischen Kino und Geschichte oder Film und Gesellschaft aussagt. Eine Edition mit Mehrwert, die über die einzelnen Arbeiten hinaus immer wieder auch Verbindungen zur Mentalitätsgeschichte Österreichs, von den ersten Nachkriegsjahren bis zur Gegenwart, anspricht.

Gebündelte Kräfte

Ein solches Projekt stand beim Filmarchiv Austria schon seit einiger Zeit in Vorbereitung, ein solches Vorhaben erschien uns nicht nur spannend, sondern von eminenter, geradezu pädagogischer Bedeutung - zur breiteren Verankerung des österreichischen Films in der Öffentlichkeit, aber auch zur Stärkung des Bewusstseins, hier zu Lande über ein reiches und vielfach noch viel zu wenig bekanntes filmisches Erbe zu verfügen.

Als wir erfuhren, dass die Agentur Hoanzl gemeinsam mit dem Standard an einem ähnlichen Projekt arbeitete, vereinbarten wir kurzfristig einen Gedankenaustausch - in wenigen Stunden war die Basis für eine Zusammenarbeit, die Bündelung der Kräfte zur Realisierung einer ersten groß angelegten DVD-Edition zum heimischen Film vereinbart.

In enger Form wurden die verschiedensten Abteilungen unseres Hauses mit der Produktionsabwicklung verzahnt, in kürzester Zeit galt es nun die Bestände abzurufen, Materialien und Informationen beizustellen, um die Grundlinien der 50er-Staffel festzulegen. Die ganze Palette zeitgemäßer Filmarchivarbeit kam ins Spiel: Die Abstimmung von Filmauswahl und Verfügbarkeit, die Restaurierung von Nitrofilmkopien, der technische Transfer diverser Produktionsformate auf ein Masterband zur DVD-Pressung, die Verifizierung von Credits und Stabsangaben, die Beistellung von Fotos, Filmstills und Plakaten, die Klärung von Rechten etc.

Bei der Detailarbeit wurde immer deutlicher, wie entscheidend ein derartiges Veröffentlichungsprojekt von der Material- und Quellenlage abhängt, wie Filmarchive durch die Strukturierung ihrer Sammlung, der Qualität der Konservierung und Restaurierung, vor allem aber auch durch die Politik ihres Zuganges zum engsten Komplizen der Filmgeschichtsschreibung werden.

"Es gibt keine alten oder neuen Filme, keine guten oder schlechten, sondern nur solche die man sehen kann oder eben nicht mehr sehen kann", hat Peter Bogdanovich einmal gesagt.

Wie prekär die Materiallage auch bei vielen österreichischen Filmen der Nachkriegsjahre ist, zeigen einige Beispiele der Edition.

Filmfund in Mexiko

Die Verwundbaren - ein Film mit einem fast programmatischen Titel bezüglich der Fragilität der Überlieferung. Im Entstehungsjahr 1965 fand diese bemerkenswerte Low-Budget-Produktion von Leo Tichat, eine der wenigen österreichischen Beispiele für die Auseinandersetzung mit der filmischen Moderne jener Zeit, hier zu Lande keinen Verleih. Der Film mit offenen Anspielungen an das Tabu-Thema Homosexualität wurde schließlich in Deutschland vertrieben und avancierte zu einem Underground-Erfolg in Alternativkinos.

Lange Zeit schien es so, als ob keine Kopie überlebt hätte - bis das Filmarchiv einen Schauspieler des Films in Mexiko kontaktieren konnte, der damals anstelle einer Gage eine Kopie des Films erhalten hatte. Das Material wurde kürzlich umkopiert und steht nun für die DVD-Edition erstmals in restaurierter Form zu Verfügung.

Aber auch von zentralen Werken der jüngeren Nachkriegszeit, wie etwa Wolfram Paulus' Heidenlöcher (1986), existiert oft nur mehr eine einzige Belegkopie im Filmarchiv Austria, bei anderen Titeln wie Fritz Lehners Opus Magnum Notturno, lassen sich überhaupt keine Einsatzkopien nachweisen. Hier hat sich glücklicherweise aber das gesamte Negativmaterial der vierstündigen Langversion erhalten, das nun erstmals zur DVD-Veröffentlichung gelangende Material lagerte fast 20 Jahre im Keller eines Kopierwerkes, ehe es vom Filmarchiv letztes Jahr übernommen werden konnte.

Verletzliches Medium

In seiner Materialität ist Film äußerst verletzlich - nicht nur Nitrofilm, auch das trügerisch Sicherheitsfilm genannte modernere Trägermaterial erweist sich in der Langzeitarchivierung als problematisch, entscheidend für die Lebenserwartung des Materials ist die Qualität der Lagerung. Mit dem neuen Zentralfilmarchiv in Laxenburg verfügt das Filmarchiv Austria seit 2004 über eines der modernsten Filmlagergebäude Europas. Filme die hier eingebracht werden, können unter optimalen Bedingungen mehrere hundert Jahre überdauern.

Eine primäre Aufgabe der Filmarchive in diesem Zusammenhang ist es also, autonome Schutzzonen der Laufbildproduktion eines Landes zu etablieren, zu verteidigen sind die Filme oft nicht nur gegen deren immanenten physischen Zerfall, sondern auch gegen die Zwänge des so genannten Filmmarktes. Immer noch gebieten Verleiher und Produzenten die Vernichtung von Filmkopien nach der Kinoverwertung, immer noch landen Filme nach dem Kinoeinsatz auf Deponien, der sorglose Umgang mit den Materialien nach der Erstverwertung ist weit verbreitet.

Das Sammeln und die professionelle Langzeitarchivierung zählt zu den Kernkompetenzen eines Filmarchivs - seine Funktionen, Aufgaben und Perspektiven haben sich im Zeitalter der digitalen Revolution und dem weltweiten Bilder- und Datenfluss via Internet aber entscheidend erweitert. Längst sind die Archive nicht mehr nur die sakrosankten Pilgerstätten für Cineasten, die AV-Geschichtsverwalter mit Exklusivanspruch.

Filmarchive sind gefordert und werden daran gemessen, wie sie auf die aktuellen Bedingungen des kulturellen Gebrauchs bewegter Bilder zu reagieren vermögen, wie das mit großem Aufwand erhaltene audiovisuelle Erbe in der Zeit aktiviert und zugänglich gemacht werden kann. "To preserve and to show", so ließe sich das Paradigma zeitgemäßer Archivarbeit, Quintessenz einer seit Jahren laufenden Diskussion unter den Archiven, zusammenfassen.

Die Schnittstelle der Filmarchivarbeit zur Öffentlichkeit ist dabei längst nicht mehr nur die Kinoleinwand. Die Verfügbarkeit und die Quellenlage ermöglichen eine bloß beschränkte Anzahl von Filmpräsentationen - Interessen des Zeigens kollidieren immer wieder mit Interessen der Materialkonservierung. Umso exklusiver sind Archivfilmvorführungen im Kino - die Filmarchiv-Reihe Filmhimmel Österreich etwa ist eine der raren Möglichkeiten, heimischer Filmgeschichte hochreflexiv interpretiert und in bestem Originalmaterial präsentiert im Kino zu begegnen.

"Kunstkatalog" DVD

In die Breite können Filme, insbesondere Archivmaterialien besser über neue Datenträger wie die DVD vermittelt werden. Die immanente Reproduktionsfähigkeit des Mediums erlaubt die Herstellung von Gebrauchsstücken, die den Nutzerdruck auf das Originalmaterial deutlich reduzieren und gleichzeitig neue Wege der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit erschließen.

DVDs stehen hier zum Kino wie Kunstkataloge zu Museen. Die Standard-DVD-Edition ist in diesem Sinn ein erster umfassender Kunstkatalog zum österreichischen Kino. Und sie denkt den Ansatz einer Demokratisierung des Archivzugangs, des Zugangs zur Filmgeschichte konsequent weiter - es sind die ersten 50 Programme eines österreichischen Filmarchivs für alle mit dem exklusiven Anspruch auf einen Stammplatz in jedem Wohnzimmer.

To be continued ...(DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.9.2006)

  • "To preserve and to show", so ließe sich das Paradigma zeitgemäßer Archivarbeit, Quintessenz einer seit Jahren laufenden Diskussion unter den Archiven, zusammenfassen.
    foto: filmarchiv austria

    "To preserve and to show", so ließe sich das Paradigma zeitgemäßer Archivarbeit, Quintessenz einer seit Jahren laufenden Diskussion unter den Archiven, zusammenfassen.

  • Mit dem neuen Zentralfilmarchiv in Laxenburg verfügt das Filmarchiv Austria seit 2004 über eines der modernsten Filmlagergebäude Europas.
    foto: filmarchiv austria

    Mit dem neuen Zentralfilmarchiv in Laxenburg verfügt das Filmarchiv Austria seit 2004 über eines der modernsten Filmlagergebäude Europas.

  • Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchivs Austria.
    foto: standard/corn

    Ernst Kieninger, Leiter des Filmarchivs Austria.

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