Verbannt in die geschützte Werkstätte

11. September 2007, 14:47
posten

Das Projekt "Protections - Das ist keine Ausstellung" im Kunsthaus Graz

Graz - Und irgend wann einmal haben die Selbstverständnislosen sich erfolgreich als Mehrheit behauptet, haben begonnen, ein Verharren im Zustand der (Selbst-)reflexion als Werk auszugeben. An die Stelle der latent bösen Behauptung haben sie ein zyklisches Schwadronnieren gestellt, das schon allein deshalb mit allen Vorstellungen von Moral kompatibel ist, weil es sich allem möglichen enthält.

Das zu untermauern, wurden unendliche Register an nie zuvor gesehenen Sünden festgeschrieben, denen gegenüber dessen Autoren resistent sind. Und mittlerweile werden Institutionen ja nur mehr als Anlassfälle für Kritik ins Leben gerufen, geboren, um sich für ihr Dasein zu entschuldigen. Für die Kundschaft war das mit einer Umstellung verbunden, Besucher hatten sich ihr übliches verhalten plötzlich "partizipatorisch" vorzustellen, mussten lernen, nicht etwa eine Ausstellung passiv zu besuchen, sondern aktiv an deren Entwicklung ("Prozessualität") teilzuhaben.

Und sie mussten lernen, sich als "Komplizen" zu begreifen. Als Komplizen der Künstler, die höchst schützenswert sind, freizustellen von den Angriffen des Lebens, das immer mit Kritik oder gar Missachtung durch Dritte daher kommt. Künstler sind arm, behaupten die Autoren der Sündenregister, deren Zukunft kann nur darin liegen, einfach alles fortan nicht mehr im herkömmlichen Sinn zu machen.

Und also ist die Ausstellung zum steirischen herbst selbstverständlich keine Ausstellung, sondern eine experimentelle Plattform für Experimente. Selbstverständlich eine geschützte Plattform. Sie heißt Protections - Das ist keine Ausstellung. Und sie ist zur Vernissage nicht fertig, weil dann wäre sie ja eine dieser bösen Behauptungen, würde garantiert noch böseren Widerspruch erregen, der den Künstlern gegenüber ungerecht wäre, weil die sich fortdauernd mit kritischen Selbstreflexionen beschäftigen, und allein deshalb keine Werke fertigen können, weil doch vorab die Arbeitsbedingungen geklärt werden müssen.

Sagen die Kuratoren, die sich nichts Prickelnderes vorstellen können, als Künstler, die sich ihrem Konzept verweigern. Und trotzdem mittun. Keine Ausstellung ist jedenfalls erst im Moment der Finissage fertig und so gut wie jeden Tag anders.

Was Keine Ausstellung wiederum praktisch unantastbar macht, kann sie doch keiner seriös kritisieren, der nicht bis zum 22.Oktober mit dem Kunsthaus Graz eine Komplizenschaft eingeht. Dieses Kunsthaus hat auch die Zeichen der Zeit erkannt, und sich selbstkritisch einen neuen Namen verpassen lassen: "Gutshaus Kranz", das ist so einfach, wie zum Nachdenken.

Die Künstler von keiner "Ausstellung" muss man gesondert betrachten: Mark Wallingers Video Sleeper ist in einer Ausstellung gerade so gut, wie in Keiner Ausstellung, aber egal, es geht nur um die Kuratoren. Weil zuerst kommt der Schutz der Kunst, und dann die Kunst. Und wer jetzt einfach behauptet, dass auch das Erleben einer antiken Statue oder eines fast gleich veralteten Tafelbildes aus den 80er-Jahren des 20.Jahrhunderts auch "Partizipation" erfordert, Kunsterleben immer schon ein subjektives Komplettieren durch den gemeinen Betrachter war, der hat einfach kein Verständnis für Animation und den neuen umarmend enthaltsamen Mittelbau. (Markus Mittringer /DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.9.2006)

Link
Kunsthaus Graz
bis 22. Oktober
  • Katrina Daschner/Gini Müller: "Nacktes Leben", 2006
    foto: kunsthaus graz

    Katrina Daschner/Gini Müller: "Nacktes Leben", 2006

Share if you care.