Laufende Verkostung

30. April 2007, 15:19
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Oder warum der Marathon du Médoc zu Recht "der längste Marathon der Welt" genannt wird - mit Ansichtssache. Von Martin W. Drexler

Im Jahr 1982 hatten fünf Freunde, Ärzte aus dem Médoc, die Idee am New York Marathon teilzunehmen, was sie auch ein Jahr später tatsächlich taten. Mit Strohhut, schwarzer Brille, Pappnase und einem Moustache als „Médocains“ verkleidet, fielen sie in NYC auch dementsprechend auf. Daraus entwickelte sich die Idee einen Marathon im Médoc zu institutionalisieren. Gemeinsam mit der Weinbruderschaft „La Commanderie du Bontemps“ von Médoc wurde die Idee sehr schnell umgesetzt und am 15. September 1985 starteten bereits 500 Teilnehmer beim ersten Marathon du Médoc.

Gab es z.B. noch beim 19. Marathon 5.500 Teilnehmer, wurde diese Anzahl beim 20 jährigen Jubiläum gleich auf 8.000 erhöht. Und seitdem die Abwicklung einer Organisation übergeben wurde, ist die Teilnehmerzahl auf 8.500 erhöht worden. Dieser Marathon ist für die Region zu einem nicht mehr wegzudenkenden wichtigen wirtschaftlicher Faktor geworden. Reisen doch an die 80% aller aktiven Teilnehmer mit einem oder mehreren Begleitern an. Dies sind im Durchschnitt 40 Jahre und lassen schon mal einiges Geld vor Ort. Zum Marathon gibt es seit einigen Jahren auch gleich einen Sportärztekongress, der zusätzliche wirtschaftliche Impulse bringt.

Da der Marathon du Médoc zu den meistbegehrten Laufstecken der Welt zählt, bucht man ihn am besten bereits schon bis spätestens Ende Jänner und in Österreich über den Marathonanbieter Runnersreisen in Traun, der immer ein fixes Kontingent an Startplätzen zugeteilt bekommt.

Die Läufer

Dies kommen nicht nur aus Frankreich und Europa, sondern aus allen Teilen der Welt, wie z.B. in diesem Jahr Kubaner und ein Kambodschaner.

Der Marathon wird aus Tradition kostümiert gelaufen, ein Fasching im Spätsommer sozusagen. Den Ideen zu den Kostümen sind keine Grenzen gesetzt – Regionen- wie Themenbezogen, nach Berufen, Professionen oder Tiergattungen, oder ganz einfach abstrakt schrill und bunt, alles ist erlaubt. Und man staunt nicht schlecht, wenn man plötzlich auf der Strecke auf eine Giraffe, einer Karotte, ein Dame im Reifrock mit Perücke oder eine Kohorte römischer Legionäre trifft.

Lieblingsthemen sind eindeutig Ärzte, Sträflinge, Fidschinsulaner, Indianer, Bienen, und Gondoliere. Und Stuben- oder Ballettmädchen oder gar kesse, leichtgeschürzte Damen stehen bei manchen Herren hoch im Kurs. Hier kann eben jeder seinen Neigungen und Ideen im wahrsten Sinne des Wortes ungehemmt freien Lauf lassen – ein buntes glückliches Völkchen sportbegeisterter Verrückter eben.

Die Strecke

Dies ist ein Marathon, bei dem man definitiv nicht seine persönlich Bestzeit erzielen muss, sondern einer, bei dem man ganz einfach und elegant „cruisen“ sollte. Zu viel Eindrücke sind auf dieser Strecke kompakt aneinadergereiht.

Abgesehen von den bestens gepflegten und getrimmte Weingartenzeilen, die irgendwie an ein gigantisches Landart Projekt erinnern, gibt es dazu 59 Chateaus, die man direkt ansteuert oder an denen man unmittelbar daran vorbeiläuft.

Von diesen warten 23 Chateaus mit einer Weinkost auf. Offiziell angemeldete 55 Orchester, Bands und Chöre tragen zu einer ausgelassenen Stimmung bei. Die vielen spontan aufgestellte Stereoanlagen in den Ortschaften und auf den Strassen nicht mitgezählt, die die Läufer beschallen.

Die Stereckenführung ist schlichtweg genial. Es geht durch das Anbaugebiet Saint Julien mit den großen Namen, wie die Chateaus Ducru-Beaucaillou, Léoville-Barton, Léoville las Cases, Beychevelle, Lagrange, Saint Pierre oder Talbot, durch das Anbaugebiet Pauillac mit den großen Namen wie Chateau Latour, Lafite Rothschild, Mouton Rothschild, Grand Puy Lacoste (GPL) oder Lynch Bages und das Anbaugebiet Staint-Estèphe mit Chateaus wie Cos Estournel, das aufgrund des indisch angehauchte Baustils kurz „Les Pagodes“ genannt wird, Montrose, Calon-Ségur oder Phélan-Ségur.

Essen und trinken

Abgesehen von der exzellenten Verpflegung, die man sich bei einem Marathon dieses namens erwarten kann und auch reichlich bekommt und der so ungewohnten wie exzellenten Weinverkostungen an 23 Grand Cru Verkostungsständen entlang der Strecke, geht´s vor und nach dem Marathon ebenfalls zur Sache.

Das legendäre Zelt mit der ebensolchen Nudelparty am Abend vor dem Lauf wie das Verpflegungszelt im Zieleinlauf nach dem Marathon warten mit Köstlichkeiten aus der Region auf, die man auch zu wohlfeilen Preisen entlang der Hafenpromenade bei den Ständen kaufen kann – verschieden Sorten von Honig, Gewürze, Kuchen, Gebäck, die verschiedensten Arten von Würsten ...

Empfehlenswert sind auch die Verkostungsstände der kleineren regionalen Weingüter, die hier ihre durchaus interessanten Weine zu Preisen anbieten, die für Normalbürger noch nachvollziehbar sind.

Die Umgebung

Es lohnt sich nicht ausschließlich zum Marathon anzureisen, sondern ein paar Tage anzuhängen. Immerhin reist man ja mit dem Flieger von Wien trotz guter Anschlussmöglichkeit am CDG rund 5 Stunden an.

Da wäre schon mal Bordeaux selbst, die alte Wein- und Handelsstadt an der Gironde /Garonne mit seinen Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum. Ein für 10 Jahre angesetztes Restaurationsprogramm der EU möbelt die Stadt wieder auf, damit sie im Jahr 2010 wieder im alten Glanz erstrahlen kann.

Gleich nach absolviertem Marathon lädt der nahe Atlantik ein sich den Siegerschweiß vom Athletenkörper zu waschen. Soulac sur Mér, Montalivet, Maubuisson oder Lacanau sind „Retourtenstädtchen“, die in der Jahrhundertwende für die reichen Bordelaisen in die Pinienhaine hinter den breiten Strand gebaut worden sind.

Die Bucht von Arcachon ist ebenfalls ein lohnenden Ausflugsziel. Hier die höchste Wanderdüne Europas zum Erklimmen ein und belohnt mit einem imposanten Ausblick auf´s Meer wie auf die Bucht und den Pinienwald. Im Ort gleich gegenüber des alten Jugendstilbahnhofes befindet sich „Chez Yvette“, eines der besten Meeresfrüchterestaurants Frankreichs. Beim Austern essen kann man – fast schon zu kitschig – den alten Franzosen beim Boule spielen zusehen, die Baskenmütze am Kopf die Gauloise im Mundwinkel.

Ein Pflichttermin ist das mittelalterliche Städtchen Saint Emilion, rund 50 Autominuten von Bordeaux entfernt. Diese 1999 zum Weltkulturerbe erklärt. Zu Recht denn der ort erinnert auf schritt und Tritt an Orte, die wir aus den Märchen der Gebrüder Grimm zu kennen glauben. Rund um kleine Stadt befinden sich mit die besten Rieden der Welt.

Resumée

Alles in allem gesehen und gekostet, ist dieser Marathon ein absoluter Genuss für die Sinne. „Anzukommen ist das wichtigste“, liest man am Spruchband kurz vor dem Ziel. Und darum geht’s ja nicht nur generell im Leben, sondern auch vermutlich wieder in zwei Jahren zum 24. Marathon de Médoc in den teuersten Weinrieden der Welt.

Santé et bonne chance!
(Martin W. Drexler)

>>>> Zur Ansichtssache: Marathon du Médoc

Zum Autor

Martin W. Drexler, arbeitet bei :3C! vidision, einem führenden europäischen Entwickler und Hersteller von interaktiven Kommunikationssystemen und lehrt an der Graphischen in Wien Multimedia und Kommunikationsdesign. Der gebürtige Steirer ist passionierter Bergsteiger, Langstreckenläufer und Koch.
  • Artikelbild
    foto: martin w. drexler
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