Gefahr durch Streit der Psychiater

5. Oktober 2006, 12:26
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Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter geht mit dem Run der Experten auf Natascha Kampusch hart ins Gericht

Hamburg/Wien – In Österreich ist es um das weitere Schicksal des Ex-Entführungsopfers Natascha Kampusch überraschend still geworden. Dafür setzt jetzt aus der deutschen Stadt Gießen der renommierte Psychoanalytiker und Buchautor Horst-Eberhard Richter zu einer kritischen Betrachtung der Rolle seiner Berufskollegen in den hektischen Tagen und Wochen nach Kampuschs Selbstbefreiung an.

"Da wollen sich Einige bemächtigen"

"Da wollen sich einige Fachleute wie Gutachter eines klinischen Falls bemächtigen. Ist Frau Kampusch glaubwürdig? Ist nicht alles auswendig gelernt? Irgendwann wird sie zusammenbrechen", sagt der 83-jährige Richter im Interview mit der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Um anschließend die Frage zu stellen: "Warum wartet man nicht ab, was sie will? Jedenfalls beweist sie, dass ihren Selbstheilungskräften viel zuzutrauen ist."

"Deutungshoheit"

Laut Richter, einem führenden deutschen Intellektuellen, haben sich jene Psychiater und Psychotherapeuten Kampusch gegenüber "angemessen verhalten", die "Achtung" vor ihrer "Reife und Selbstbestimmung" zeigten. Jene, die verstanden hätten, "dass jetzt nicht Gelegenheit ist, mit eigener Deutungshoheit zu glänzen, sondern sich einzugestehen, dass man überrascht ist". Etwa über den Umstand, dass jemand "sogar unter schrecklich quälenden Umständen eine Menschlichkeit entwickeln kann, die nur Staunen macht".

Natascha Kampusch benehme sich "ganz anders als viele traumatisierte Menschen", reagiert Richter auf eine vom Interviewer ins Gespräch eingebrachte Äußerung ihres behandelnden Psychiaters Max Friedrich. "Den Panzer braucht sie zum Überleben", hatte dieser in der Fernsehdiskussionsrunde nach dem TV-Interview mit der jungen Frau verkündet; während des Interviews war er bei Kamera-Zwischenschnitten immer wieder ins Bild gerückt worden. "Der Druck voyeuristischer Begehrlichkeit des Publikums verführt die Medien zu wachsender Schonungslosigkeit und Experten zu Enthüllungsfreudigkeit bis an die Grenze des juristisch Erlaubten", meint der Psychoanalytiker, der sich in der Vergangenheit auch vielfach – etwa in der Antiatombewegung – politisch engagiert hat.

Gewünschte "Erklärungsversuche"

Zu einer kombinierten Experten- und Medienschelte setzt auch Richters Wiener Berufskollege Alfred Pritz an. Doch mit der Fülle interpretierender Expertenäußerungen über Kampuschs psychischen Zustand in der Öffentlichkeit will der Rektor der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität nicht ganz so harsch ins Gericht gehen. Dabei handle es sich um "Erklärungsversuche des Unbekannten", die von der Öffentlichkeit gewünscht und von ihr gebraucht würden.

An Informationen über Kampuschs Befindlichkeit sei der medial versorgten Allgemeinheit nur "die Spitze des Eisbergs" bekannt, meint Pritz. Eine Sicht der Dinge, die von Dietmar Ecker, der Kampusch bis unmittelbar nach ihren ersten großen Interviews als Medienberater zur Seite gestanden hat, im Standard-Gespräch bestätigt wird: "Wir haben hier eine Fassade gesehen", sagt er.

In Medientrainings vor den großen Auftritten habe die junge Frau genau wissen wollen, "wie man Souveränität zeigt oder wie man unangenehmen Themen aus dem Weg geht". (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 23./24.09.2006)

  • Der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter hat Achtung vor der "Reife" Natascha Kampuschs
    foto: standard/cremer

    Der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter hat Achtung vor der "Reife" Natascha Kampuschs

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