Initiative gegen mehr Armut

9. Oktober 2006, 17:56
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Die "Halbierung der Armut in vier Jahren" fordert Caritaschef Michael Landau von den Politikern ein

Die Sozialhilfe müsse vereinheitlicht, Regresse müssten abgeschafft werden.

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Wien - Vor den Suppenküchen lasse sich das Ausmaß der Armut im Land gut beobachten, erläutert der Wiener Caritasdirektor Michael Landau im Standard-Gespräch. Im reichen Österreich würden die Warteschlangen vor den Gratisausspeisungen immer länger: "In Wien hat die Caritas im Jahr 2001 täglich 53.700 warme Mahlzeiten ausgeteilt. Im Jahr 2005 waren es bereits 81.000 Mahlzeiten pro Tag: ein Plus von 50 Prozent binnen vier Jahren."

Umso bezeichnender sei diese Zunahme, als auch ein armer Mensch lange zögere, bevor er sich um ein Gratisessen anstelle, betont Landau. Die Wartenden vor den Suppenküchen seien demnach nur der sichtbare Teil eines "blinden Flecks in der Gesellschaft". Einem Drittel aller Klienten der Caritas-Sozialberatungsstellen blieben "nach Abzug der Fixkosten für Miete, Heizung, Kleidung, usw. weniger als zwei Euro pro Tag zum Leben übrig".

Diesen "Alleinerziehenden und Langzeitarbeitslosen, psychisch Kranken, im Alter verarmten Frauen und Asylwerbern", die unter den härter gewordenen sozialen Bedingungen zunehmend in die Armut abrutschen, widmet die Caritas Wien eine neue Broschüre aus Anlass ihres heurigen Aktionstag am Freitag auf dem Stephansplatz. Einem Anlass, der sich laut Landau nicht in Aufrufen erschöpfen dürfe: "Das Thema Armut muss repolitisiert werden."

690 Euro monatlich

Gefordert - so der Caritas- chef - seien "klare Zielsetzungen" der verantwortlichen Politiker. Etwa "das ambitionierte Ziel, die Armut in Österreich binnen vier Jahren zu halbieren". Der Sozialstaat müsse "armutsfest" werden, etwa durch "Einführung eines bedarfsorientierten Mindesteinkommens in der Höhe der Ausgleichszulage" - also von 690 Euro monatlich.

Außerdem müsse "die Sozialhilfe rechtlich vereinheitlicht" werden, etwa durch ein Bundessozialhilfegesetz oder eine Bund-Länder-Vereinbarung. Als Richtschnur sollten "Mindestqualitätsstandards, Transparenz sowie die endgültige Abkehr vom Regress gelten. Diese in manchen Bundesländern übliche Praxis, Sozialhilfe zurückzufordern, sobald ein Klient wieder eigenes Geld verdient, sei ein "ernst zunehmender Reintegrations-Hinderungsgrund". Zum Thema Armut gibt es auch von Arztseite her eine Nachricht: Ein Drittel aller Krebspatienten in Österreich müsse mit einem Familieneinkommen zwischen 800 und 1300 Euro monatlich auskommen, schilderte der Mediziner Alexander Gaiger auf der Grundlage einer neuen Studie über die soziale Lage von Tumorerkrankten. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 22. September 2006)

"Notbeleuchtung" - Armuts-Aktionstag der Caritas, Fr. 22. 9. 2006, ganztags ab 10 Uhr auf dem Wiener Stephansplatz.

"Notbeleuchtung" - Caritas-Broschüre, erhältlich unter Tel. (01) 878 12-700.
  • Caritas-Canisius-Bus in Aktion: Gratisausspeisungen wie diese verzeichnen österreichweit steigenden Zulauf, in Wien etwa um 50 Prozent mehr als in den vergangenen Jahren.
    foto: standard/christian fischer

    Caritas-Canisius-Bus in Aktion: Gratisausspeisungen wie diese verzeichnen österreichweit steigenden Zulauf, in Wien etwa um 50 Prozent mehr als in den vergangenen Jahren.

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