Putin kommt mit Trümpfen

4. Oktober 2006, 18:07
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Russland will mehr EADS-Anteile kaufen. Um die widerspenstigen Europäer aufzuweichen, kommt Vladimir Putin mit milliardenschwerem Trumpf nach Frankreich

Während Russland soeben, um eine Gasprom-Beteiligung zu erzwingen, dem Ölkonzern Shell die Umweltlizenz für das seit 13 Jahren geführte ostrussische Großprojekt "Sachalin 2" entzogen und dem Investitionsklima nach der Vernichtung des Ölkonzerns Yukos nun einen eindeutigen Tiefschlag zugefügt hat, sucht es andererseits mit größtem Einsatz, Erfolge bei seiner Expansion im Westen zu landen. Das Augenmerk ist derzeit unverwandt auf den europäischen Luftfahrtkonzern EADS gerichtet. Kürzlich hat die russische staatliche Wneschtorgbank für rund eine Milliarde Euro 5,02 Prozent der Aktien erworben, das EADS-Management aber mit dem Ansinnen verdattert, Mitentscheidungsrechte oder gar die Sperrminorität anzustreben.

Airbus statt Boeing

Wenn Russlands Präsident Vladimir Putin am Samstag bei seinem Zusammentreffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Staatschef Jacques Chirac das Thema persönlich anfasst, hat er nun aber einen Trumpf von drei Milliarden Dollar dabei: Am Vortag nämlich hat der Chef der russischen Fluggesellschaft Aeroflot, Valeri Okulov, erklärt, dass Aeroflot in den Jahren 2010 bis 2012 von den Amerikanern 22 Boeing-787, in den vier Folgejahren aber auch 22 europäische Langstreckenflugzeuge von der EADS-Tochter Airbus erwerben will.

Damit werde der Boeing-Auftrag halbiert. Zuvor hatte es allen Anschein, dass nur Boeing das Rennen machen würde. Zuletzt aber wurde Aeroflot angesichts der Putin-Reise nach Frankreich von der Kremlführung gedrängt, die Entscheidung, die vorige Woche hätte fallen sollen, aufzuschieben. Sollte es zum Kauf bei den Europäern kommen, würde Russland mit seinem mittlerweile perspektivenreichen Flugzeugmarkt zu einem der größten Abnehmer bei Airbus aufsteigen. Größeres Engagement

Russland will in der europäischen Luftfahrt mehr als bisher mitspielen. Laut Mutmaßungen der englischen Zeitschrift The Times will Putin mit einem größeren Engagement bei EADS den Konzern auch zu einer Teilnahme an der "Vereinigten Flugzeugbau Korporation" (OAK) locken. Experten meinen, dass OAK, die die Konzerne "MIG" und "Suchoj" einschließt, für eine internationale Konkurrenzfähigkeit das Know-How der Europäer braucht. Umgekehrt wird Putin auch das für die Europäer relevante Thema einer Airbus-Kooperation mit russischen Verarbeitern des für die Branche wichtigen Rohstoffes Titan anschneiden. Die Trümpfe der Russen dürften die Tür in die EADS um einiges weiter öffnen. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe 22.9.2006)

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    Russland zieht längerfristig die Übernahme einer Sperrminorität beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, der Mutter von Airbus, in Betracht.

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