UNO: Folter "außer Kontrolle"

3. Oktober 2006, 12:28
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Täglich verstümmelte Leichen

Bagdad/Wien – Das Zählen der Toten im Irak ist immer nur eine Annäherung: Die Unami (UN Assistance Mission for Iraq) addiert die Zahl, die ihr das Gesundheitsministerium liefert und in der alle Gewalttoten aus Krankenhäusern aller Provinzen (außer der Region Kurdistan) enthalten sein sollen (nicht immer sind), und die Anzahl der Leichen, die im Bagdader Leichenschauhaus abgeliefert werden. Auf diese Weise errechnete die Unami für den Juli 2006, den bisher schlimmsten Monat, 3590 Tote (inklusive 183 Frauen, 23 Kinder), wobei 1855 davon Leichen des Leichenschauhauses in Bagdad waren.

Mit der Zahl 1855 hat man auch eine Indikation, wie viele Menschen in Bagdad im Juli durch oder nach Folter umgebracht wurden: Kaum eine der Leichen ist unversehrt, fast alle weisen Folterspuren auf, viele sind verstümmelt. Es sind dies die Folteropfer von Milizen jeder Couleur, sunnitischen, schiitischen, rein kriminellen. UN-Sonderberichterstatter, der Österreicher Manfred Nowak, erhob am Donnerstag jedoch auch gegen den irakischen Staat Vorwürfe: Ihm lägen glaubhafte Berichte über die Folterungen in Einrichtungen unter der Kontrolle der irakischen Sicherheitskräfte vor. Manche meinten, so Nowak, dass im heutigen Irak mehr gefoltert werde als unter Saddam Hussein, jedenfalls sei die Lage „außer Kontrolle“.

Der Vorwurf ist nicht neu: Berichte über „Geheimgefängnisse“, in denen unglaubliche Zustände herrschen (eines, al-Jadiriya, wurde im November 2005 entdeckt), und über die Kollaboration des schiitischen Innenministeriums mit Milizen haben während der erst im Juni abgeschlossenen Regierungsbildung zur US-Forderung – der US-Botschafter in Bagdad machte sogar öffentlich die weitere Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung davon abhängig – geführt, dass die drei Sicherheitsministerien (Inneres, Verteidigung und Nationale Sicherheit) unabhängig besetzt werden müssen. Das ist damals nur unvollständig gelungen, wobei die Regierung von Nuri al-Maliki wirklich vieles versucht, das Gewaltmonopol zurückzubekommen, bisher vergeblich.

Folterinstrument Bohrmaschinen

Der Menschenrechtsbericht, den die Unami für die Monate Juli und August vorgelegt hat, liest sich teilweise wie eine Horror-Story. Die Leichen, die täglich in Bagdad gefunden werden, weisen durch Säure und andere Chemikalien herbeigeführte Verletzungen auf, Knochenbrüche, fehlende Augen und Zähne und Hautpartien. Ein häufiges Folterinstrument sind Bohrmaschinen.

Es gibt keine Bevölkerungsgruppe im Irak, die nicht leidet. Wie immer in Konflikten sind die Frauen besonders exponiert, auch wenn die meisten Gewaltopfer Männer sind. Frauen werden angegriffen, wenn sie sich angeblich „unislamisch“ verhalten, dazu gehört bereits auch das Autofahren. Die „Ehrenmorde“ sind wieder auf dem Vormarsch im Irak. Eine weitere besonders gefährdete Gruppe sind Homosexuelle, auf die geradezu Jagd gemacht wird. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.9.2006)

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