Terrassenlagen

30. April 2007, 15:16
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Nach Jahren des Dahindümpelns als Altherrengetränk erobert sich Riesling seit einigen Jahren alte Gefilde zurück. Deutscher Riesling ist dabei mehr denn je Vorbild für die Mitbewerber

"Zu süß", schallt es hierzulande oft leichtfertig zurück, wird ein Glas deutscher Riesling angeboten - oft bevor er probiert wurde. International gesehen ist er jedoch die Latte, über die man drüber muss, will man sich mit dieser Edelrebsorte einen Platz an der Sonne erobern. Wachau, Krems- und Kamptal haben sich ihre Position in den vergangenen Jahren erkämpft, das Elsass spielt seit Langem in der Oberliga, Australien präsentierte sich mit einigen beachtlichen Weinen als Neorieslingnation.

Deutscher Riesling galt als Klassiker mit langer Historie, der allerdings in den 1970er- und 1980er-Jahren einen tiefen Fall erlebte. Schuld waren die Verwässerung der Weinqualitäten zum pickig-süßen Massenprodukt und Bezeichnungsvorschriften, die man selbst als Fan und Brancheninsider nicht leicht durchschaut. "Liebfrauenmilch" wurde zum Symbol dieses Abstiegs, eine - weltweit massenhaft verkaufte - Karikatur des so geschätzten deutschen Rieslingstils: fruchtige Süße, gekontert von kräftiger Säure mit intensiver Mineralität - große Geschmacksfülle bei niedrigem Alkohol.

Die Bezeichnung "Unendlich", die F. X. Pichler aus der Wachau für seinen Spitzenriesling wählte, der nur in besonderen Jahren entsteht, kommt nicht von ungefähr. Die Rebsorte zeigt eine einzigartige Bandbreite. Sie ist hocharomatisch und für Laien wie Weinkenner relativ verlässlich auszumachen, was ihr einige Popularität sichert. Ein Fruchtkorb an Aromen wird ausgebreitet: Marillen und Pfirsiche aller Sorten und Schattierungen - säuerliche Weingartenpfirsiche oder süffig-süße gelbe Pfirsiche, weiße Ribiseln und exotische Aromen à la Lychee und Limetten. Dazu kommt eine Säure, die auch bei hohen Zuckergradationen nicht schwindet und dem Wein, der generell in kühleren Regionen beheimatet ist, zu großer Frische verhilft.

Wo man bei anderen Rebsorten vergleichsweise rasch am Ende der Aromenskala angelangt ist, können sich Riesling-Freaks über einem guten Glas noch lange "ergehen". Spannend macht den Riesling vor allem das, worin er "eingebettet" ist: mineralische Noten, die je nach Untergrund von rauchig bis "kieselsteinartig", manchmal fast kühl-"stahlig" schmecken. Riesling wächst oft auf spektakulären Terrassenanlagen. Und er transportiert Terroir, Boden und Mikroklima einer Lage wie keine andere Sorte. Ideale Bedingungen findet er z. B. auf steinigem Untergrund wie dem Urgestein der Wachau, im Rheingau oder den extra steilen Schieferhängen an Mosel und Saar.

Er benötigt keine "Aromatisierunghilfe" durch Barriquefässer (225-l-Eichenfässer) und braucht in vielerlei Hinsicht Zeit. Eine langsame Reife der Trauben bis in den November hinein ist für ein gutes Jahr am wichtigsten. "Köcheln auf kleiner Flamme", beschreibt es Roman Niewodniczanski, der es mit seinem 2001 erworbenen und revitalisierten Weingut Van Volxem in kürzester Zeit zum Vorzeige-Produzenten an der Saar geschafft hat, wo Reifephasen von 150, 160 Tagen keine Seltenheit sind. In Österreich ist man mit einem langen, trockenen Herbst sehr gut dran - auch nach einem feuchteren Sommer. Auch Gärung und Ausbau dauern: Es wäre naiv zu glauben, dass Spitzenriesling bereits im Frühjahr nach der Ernte sein gesamtes Können ausspielt.

Je nach Süßegrad und Struktur kann er eine eher cremige, opulente Konsistenz haben oder an Honig, Rosinenbrot und Gewürze erinnern, wenn man ihm, wie es in manchen Betrieben der Wachau Philosophie ist, die mit Edelfäule (Botrytis) befallenen Beeren lässt. Auch die Formel "Topwein braucht hohen Alkohol" geht bei Riesling nicht auf: Im Speziellen Rieslinge von Mosel-Saar-Ruwer spielen bei etwa acht, neun Prozent Alkohol höchst geschmackvoll mit Süße, Säure und Mineralität, drei Komponenten, die ihnen auch ein langes Leben sichern. Rieslinge aus den niederösterreichischen Anbaugebieten mit 13 % und mehr Alkohol sind im direkten Vergleich nicht immer die eleganteren, brillieren aber mit intensiven Fruchtaromen und Kraft, die im Idealfall von feiner Mineralik begleitet wird.

Australische Rieslinge spielen weniger über Terroir, sondern mehr über Frucht und Zitrus-aromen. Diesen Weinen aus "down under" wird zwar oft, aber nicht ausschließlich mit "Aufsäuern" auf die Sprünge geholfen, was ihnen in Europa auch gerne vorgeworfen wird. Dabei vergisst man jedoch allzuleicht, dass in den nördlichen, kühlen Gefilden der Weinwelt "Aufzuckern" gängige - und auch legale - Praxis ist. Im Elsass, übrigens eine Hochburg des biodynamischen Weinbaus, setzt man auch auf trockene, alkoholkräftigere Weine mit intensiven mineralischen Noten. Frucht wird mitgeliefert, spielt aber nicht die zentrale Rolle.

Verkosten, wie man's nun gern hat, wird einem also nicht erspart. Und welchen Süßegrad man mit einer deutschen Spätlese, Auslese oder der Bezeichnung "feinherb" tatsächlich im Glas hat, wird man auch heute trotz herzhafter Bereinigungsversuche nur erschmecken. Es macht übrigens überhaupt nichts, wenn man sich mit deutschen Rieslingen nicht auskennt. Aber es zeugt von fundamentaler Ignoranz, sie nicht einmal probieren zu wollen. (Luzia Schrampf, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 22. September 2006)

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