Essen als Umweltschutz

18. Jänner 2007, 12:37
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Die internationale Bewegung Slow Food kämpft gegen die Globalisierung der Nahrung und für eine politisch bewusste Gastronomie. Ein Gespräch mit ihrem Gründer und Präsidenten Carlo Petrini

1986 war er Mitbegründer der italienischen Gastrosophenvereinigung Arcigola, ein Jahr danach half er, den Gambero Rosso aus der Taufe zu heben (wenn das bei einer Beilage der kommunistischen Zeitung "Il Manifesto" das richtige Bild ist), 1989 schließlich machte er aus dem regionalen Verein Slow Food eine internationale Gegenkraft zum schnellen Convenience-Essen. Carlo Petrini ist die Galionsfigur einer Bewegung, die mit der Besinnung auf regionale Spezialitäten begonnen hat und sich mittlerweile auch als Umweltschutzorganisation versteht, mit regionalen Organisationen (Präsidien und Konvivien) in vielen Teilen der Welt. Für sein Werk wurde der Slow-Food-Präsident, Autor und Vortragende mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht und vom "Time Magazine" zu einem der "European Heroes 2004" ernannt. In Wien nahm er Anfang September die Trophée Gourmet A la Carte entgegen.

der Standard: Signor Petrini, wer sind Ihre Verbündeten in der Politik?

Carlo Petrini: Die liegen quer, auch durch die italienische Politik. Ich komme von der Linken, aber es gab zum Beispiel in der Regierung Berlusconi Leute, die uns schätzten, etwa der damalige Landwirtschaftsminister Gianni Alemanno oder die Erziehungsministerin Letizia Moratti. Die haben uns ermöglicht, die Universität für gastronomische Wissenschaften im Piemont zu verwirklichen. Die Allianzen entstehen mit Politikern, Geschäftsleuten, wem auch immer, weil Menschen unsere Ideen sympathisch finden.

Der Standard: Sie bekommen viele Auszeichnungen, werden für Ihre Arbeit international geehrt. Ich stelle mir vor, dass die Manager multinationaler Lebensmittelkonzerne das nett und interessant finden und dann wieder zu ihren Strategien globaler Food-Brands und zu ihren vierteljährlichen Profit-Reports übergehen.

Petrini: Also, sie mögen tun, was sie tun müssen. Slow Food hat eine klare Linie angesichts der "Agroindustria". Das Wort ist ein Widerspruch in sich. Agrikultur und Industrie: Indem sie die industrielle Produktionslogik in die landwirtschaftliche Welt hineingebracht haben, haben diese Unternehmen eine Umweltzerstörung von biblischen Ausmaßen verursacht. Leider ist die Politik, ob rechts oder links, gegenüber diesem Schmerzensschrei zumeist völlig unempfindlich.

Der Standard: Gibt es im Lebensmittelsektor aufgeklärte Unternehmer?

Petrini: Da gibt es eine kleine Avantgarde. Wir beobachten sie mit Respekt und Sympathie ... Doch ein weiterer Widerspruch ist übrigens das Konzept der "nachhaltigen Entwicklung". Ich habe keinen wissenschaftlichen Beweise, doch es scheint mir, dass es so etwas nicht gibt. Ich komme aus einem Land, das in seiner Geschichte aus der Idee der Schönheit ein Element seiner Identität gemacht hat. Zwei drei Jahrhunderte lang war Italien das Ziel von Intellektuellen und Künstlern aus ganz Europa, wegen der Schönheit! Heute wird Italien immer hässlicher; ich sage das voller Traurigkeit. Menschen, vor allem in der angelsächsischen Welt, haben sich über solche Entwicklungen Gedanken gemacht - in Italien sind sie selten wie weiße Fliegen.

Der Standard: Gibt es in den osteuropäischen Ländern inzwischen auch Slow-Food-Konvivien?

Petrini: Sie beginnen langsam. Diese Länder müssen erst durch eine Nachholphase des Konsums durch. Sie kennen ihr eigenes kulturelles Erbe nicht. Im realen Sozialismus wurde zwar die Folklore der Länder hochgehalten, aber die Menschen hatten das satt. Jetzt sehen sie Fastfood als etwas Befreiendes, und sie verweigern sich den eigenen Wurzeln. Doch die Zeiten ändern sich auch dort schnell. Ich sehe allerdings, dass die Landwirtschaftspolitik, die die Regierungen dieser Länder betreiben, damit sie in die EU kommen, kriminell ist. Damit wird die Katastrophe fortgesetzt, die wir zu Hause angerichtet haben. Bitte sehr: "nachhaltige Entwicklung" - die ist nicht zu halten! Davon ist Slow Food überzeugt.

Der Standard: Wie viel sind Sie unterwegs?

Petrini: Sehr viel. Zu viel? Naja, weniger als früher. Ich war zwischendurch krank und halte mich jetzt eher zurück. Man kann nicht Slow Food predigen und Fast Life leben.

Der Standard: Apropos: Wenn Sie fliegen, wie machen Sie das mit dem Essen?

Petrini: Ich esse nicht. Auch einen ganzen Tag lang nicht, mehr reist man sowieso nicht. Ein Glas Wasser, das genügt.

Der Standard: Wie viel Zeit bleibt Ihnen, selber Neues zu entdecken bzw. Altes, das zu verschwinden droht?

Petrini: Weniger als früher. Aber es wird mir überall in der Welt Unglaubliches präsentiert. Das sind nicht mehr Entdeckungen in meiner eigenen Heimat, sondern sozusagen in der Gemeinschaft der Menschen insgesamt. Den Übergang von einem oenogastronomischen Verein zu einem, der sich mit Nachhaltigkeit der Umwelt und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt, hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Die Zeiten der klassischen Gastronomie sind vorbei. Heute braucht man eine Vision von der Gastronomie als komplexer, multidisziplinärer Wissenschaft, zu der auch die Ökonomie gehört, die Politik, die Anthropologie, die Genetik, die Biologie. Ein Gastronom, der sich heute nicht mit der Umwelt beschäftigt, ist dumm. Er weiß nicht, was er auf dem Teller hat. Und ein Umweltschützer, der kein Gastronom ist, ist eine traurige Figur. (Interview: Michael Freund/Der Standard/Rondo/22/09/2006)

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    foto: andy urban
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