Pop zum Auftakt: Kraftvoll und innig

11. September 2007, 14:47
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Die heimischen All-Stars "The Year Of" eröffnen den "steirischen herbst"

Graz - Wenn es denn in der heimischen Musikszene derzeit eine Band geben sollte, die den Begriff der All-Star-Band tatsächlich verdient, dann ist es das zwischen Wien und Berlin umtriebige Quintett The Year Of. Zwischen poppiger Elektronik, Improvisationsmusik und den diversen in der Postmoderne begründeten Ausläufern des Jazz zwischen Laptop, strenger Kammer und Post-Rock mag zwar der scheinbar wahllos zusammengewürfelte Haufen etwas gar beliebig wirken.

Bernhard Fleischmann, Martin Siewert, Werner Dafeldecker, Burkhard Stangl und Christof Kurzmann gelingt es allerdings auf ihrem im Frühjahr auf dem verdienten deutschen Label Morr Music erschienenen Debütalbum Slow Days (Vertrieb: Soul Seduction) tatsächlich, zu einer homogenen Form des im Erwachsenenpop verankerten Kunstlieds zu gelangen. Das sucht und findet sein Glück vor allem in der Melancholie und Harmonieseligkeit der frühen 70er-Jahre. Stichworte: der große und vor allem von Sänger und Texter Christof Kurzmann verehrte britische Künstler Robert Wyatt und die Nachwehen der britischen Progrock-Götter Soft Machine. Aber auch Pink Floyd in ihrer damaligen, noch vor Pomp und Pathos weit gehend gefeiten stillen Phase.

Kompositorisch federführend dafür zeichnet zu weiten Teilen Bernhard Fleischmann. Nach einer Vergangenheit als Schlagzeuger in vom Punk herkommenden Hardcore-Bands stieg der heute 31-Jährige mit seinem 1999 veröffentlichten Solodebüt Pop Loops For Breakfast bald zu einem international gefragten Elektronikmusiker auf. Mit sanften, ruhigen und atmosphärisch "federleicht" schwingenden Dreiklangszerlegungen, zu Herzen gehenden Melodien und wohlig antik groovenden Sequencer-Rhythmen stellte sich Fleischmann in Folge auch auf Arbeiten wie Welcome Tourist oder dem heurigen Soloalbum The Humbucking Coil nicht nur in die Tradition alter deutscher Elektronik-Gründerväter wie Neu!, Harmonia oder den frühen Kraftwerk. Zeitgenossenschaft generierende Dissonanzen und Anklänge an den vom Techno wieder entdeckten Minimalismus hin zur E-Musik eines Philip Glass ließen Fleischmann bald auch zum Mitbegründer einer global zigfach kopierten eigenen "Schule" aufsteigen. Die beschert heute seinem Hauslabel Morr Music monatlich eine beträchtliche Anzahl unverlangt eingehender Bänder von Kopisten zwischen den USA, Japan und Südamerika.

Eine Situation, auf die Fleischmann laut eigener Aussage mit mildem Entsetzen reagiert, sich gleichzeitig allerdings auch ein bisschen geehrt fühlt.

Nach Jahren des stillen Heimwerkertums am Laptop entdeckt Fleischmann gerade allerdings zunehmend wieder das gute alte soziale Gefüge einer Band - und damit beinahe zwangsläufig auch wieder das Songformat.

Abgesehen von der Lou-Reed-Paraphrase Stephen Hawking wird auf den acht Stücken von Slow Days allerdings jetzt auch eine gerade von Gitarrist Martin Siewert befeuerte Liebe für von den artverwandten Kollegen Lambchop aus der "intellektuellen" US-Americana-Szene kommende kammermusikalische Songstrukturen geliefert, die sich in entzückenden Songs niederschlägt. Kraftvoll und innig. Da die Band selten live spielt: ein Ereignis! (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.9.2006)

Do., 21. 9., Helmut-List-Halle, Graz, 22.00 Uhr
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Der Wiener Elektroniker Bernhard Fleischmann (links) und die wunderbaren Pop-Melancholiker The Year Of.
    foto: morr

    Der Wiener Elektroniker Bernhard Fleischmann (links) und die wunderbaren Pop-Melancholiker The Year Of.

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