Osteuropa-Erfolgsgeschichte der Banken und Versicherungen geht weiter

10. Oktober 2006, 13:49
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Generali-Finanzchef: "Weißrussland kann warten" - Nur "verhaltenes Wachstum" in Ungarn in den nächsten Jahren

Wien - Zwar sind die Privatisierungen in vielen Ländern Ost- und Südosteuropas bereits großteils abgeschlossen, doch das bedeutet keineswegs das Ende der Erfolgsgeschichte, die vor allem die österreichischen Banken in der CEE-Region geschrieben haben. Es gibt im CEE-Raum "noch viele Zuckerln zu finden", glaubt der Osteuropa-Spezialist der Managementberatung zeb, Arno Schreiber. Für eine Abschwächung des starken Wachstums am Finanzsektor gebe es keine Indizien, sagte Schreiber gestern, Dienstagabend, beim APA-BranchenTreff in Wien.

Für die Banken habe es zwei Einstiegsszenarien in Osteuropa gegeben, erläuterte Schreiber. In vielen Ländern relativ klein anzufangen und dann zu wachsen, wie es etwa die BA-CA oder Raiffeisen getan hätten, oder wie die Erste Bank oder auch die OTP durch Akquisitionen stark zu wachsen. Eigene Institute in den Zielländern zu gründen sei anfangs viel profitabler, weil man sich die Umstrukturierungskosten spare, sagte Schreiber. Allerdings sei dieser Vorsprung spätestens nach fünf Jahren weg. Wesentlich sei, dass man einen Marktanteil von zumindest 5 bis 10 Prozent erreiche, denn ab dieser Größe sei die Profitabilität deutlich höher. Für die kleineren Player bedeute dies, dass sie ihre Märkte verkleinern müssen, indem sie sich Nischen sichern. Klar sei, dass das Retail-Segment in der Region derzeit am stärksten wachse. Bei Konsumkrediten sei in den weniger entwickelten Märkten fast zwei Drittel des Erlöspotenzials zu finden.

Gewaltiges Potenzial in Russland

Das bestätigte auch der Finanzvorstand von Raiffeisen International (RI), Martin Grüll. Besonders in Russland sei das Potenzial noch gewaltig: "Von 150 Millionen Menschen haben dort nur 200.000 einen Konsumkredit." Es werde 15, 20 oder sogar 30 Jahre dauern, bis das Niveau von Westeuropa erreicht sei. "Wir haben uns in Russland im Jänner eine Bank (Impexbank, Anm.) mit über 200 Filialen angelacht und können mit dieser Bank 70 Prozent der russischen Bevölkerung erreichen", sagte Grüll. "Die CIS-Länder sind für uns der große Treiber. Auch Südosteuropa ist ein großes Thema, aber dort ist der Markt schon etwas überhitzt." So sei etwa Kroatien "ein Land, wo die Konsumneigung sehr groß ist".

Auch der Finanzvorstand der Generali Holding, Walter Steidl, sieht in den GUS-Ländern "die Wachstumsmärkte für die nächsten 10, 15, 20 Jahre". Anfang Juni vollzog die Generali mit der mehrheitlichen Übernahme des Sachversicherers Garant Auto und der Lebensversicherung Garant Life den Markteintritt in der Ukraine. Die Verhandlungen seien gerade in der Zeit geführt worden, als ein ukrainisches Konsortium beim Verkauf der Bank Burgenland abblitzte, was die Gespräche der Generali in der Ukraine nicht eben leichter gemacht habe, ärgert sich Steidl. "Das Angebot der Ukrainer hat jedem westlichen Standard standgehalten." Beim Nachbarland Weißrussland zögert aber auch Steidl noch: "Wir haben noch Zeit, das läuft uns nicht davon." Weniger Berührungsängste hat man bei Raiffeisen: "Wir sind schon dort", sagte CFO Grüll.

Versicherungsgeschäft langfristig

Im Vergleich zu den Banken "ist das Versicherungsgeschäft sehr langfristig ausgelegt", erklärte Steidl. Die Generali sei 1989 zunächst in Ungarn gestartet - heute stammten 30 Prozent des Prämienvolumens aus der Region Mittel-Osteuropa.

Der auf das Kartengeschäft spezialisierte Bankendienstleister First Data International sieht das Potenzial in der Region, vor allem in Russland und der Ukraine, "noch lange nicht ausgereizt", betonte der Senior Vice President für Zentraleuropa, Stefan Klestil. Er unterstrich vor allem die Bedeutung des "enormen Humanpotenzials" in Osteuropa. In diesen Ländern gebe es zum Teil einen viel höheren Innovationsgrad als etwa in Österreich. Ein weiterer Hoffnungsmarkt liegt für Klestil noch weiter im Südosten: "Wir glauben sehr stark an die Türkei."

Dass man auch die Risiken im Osten nicht unter den Tisch kehren dürfe, darüber waren sich alle Diskussionsteilnehmer beim APA-Branchentreff einig. Aber "wir haben ständig mit Risiken zu tun, da kommt es auf das eine oder andere mehr nicht an", gab sich der Versicherungsprofi Steidl gelassen. Die gewalttätigen Demonstrationen in Ungarn seien natürlich ein Rückschlag gewesen. In Ungarn "erwarten wir in den nächsten Jahren verhaltenes Wachstum, weil das verfügbare Einkommen stärker beschnitten wird. Aber das Wachstum ist dort immer noch höher als in Österreich, da leben wir ja nur noch von der Verdrängung."

"Das Risiko ist groß", bestätigte auch RI-Vorstand Grüll, "aber man darf die Flinte nichts ins Korn werfen". Außerdem seien die österreichischen Banken praktisch dazu gezwungen gewesen, in Richtung Osten zu expandieren. "In Österreich gibt es 900 Banken, wo sollte man da noch wachsen?" (APA)

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