Moderne Mythen um Konfrontationen im Fernsehen - eine Kolumne von Peter Filzmaier
Von David gegen Goliath bis zur Schießerei Wyatt Earps mit den Clantons sind Duelle mit Mythen behaftet. So auch TV-Diskussionen von Politikern. Morgen treffen sich Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer zum Shoot-out. Als moderne Mythen geistern herum:
1. Die TV-Diskussion entscheidet die Wahl. Angeblich wissen wir das, seit 1960 ein braun gebrannter Kennedy dem schwitzenden Nixon gegenüber saß. Der Haken ist nur, dass die Geschichte so nicht stimmt.Die Daten der Meinungsforschung belegten, dass Kennedys Auftritt von TV-Zuschauern höher bewertet wurde, während Radiohörer Nixon für gleich gut hielten. Ein Zusammenhang mit dem Wahlverhalten war nicht nachweisbar.
2. Wer war besser? Die Antwort darauf ist nichts als ein Gesellschaftsspiel. Man müsste fragen, ob jemand in 10 Tagen ÖVP oder SPÖ wählt, weil ihm Schüssel oder Gusenbauer in der TV-Diskussion gefallen hat.
Noch genauer wäre, ob irgendein Wähler das tut, der sicher für eine andere Partei gestimmt hätte. Nur dann beeinflusst die TV-Diskussion das Wahlergebnis. Sonst sind jene Millionen, die bereits über ihre Stimme entschieden haben, als Zielpublikum des Rededuells völlig uninteressant.
3. Wenn keine Anhänger der Gegenseite überzeugt werden, geht es also in der TV-Diskussion um Unentschlossene und eine Mobilisierung von Sympathisanten. Doch wird die Zahl der Meinungslosen überschätzt. Zu oft rechnen Umfragen da Nichtwähler und Antwortverweigerer mit.
Der Mobilisierungsfaktor ist in den US-Kongresswahlen mit einer Beteiligung von 35 Prozent wichtiger als in Österreich mit zuletzt über 80 Prozent tatsächlichen Wählern. Wie sollen zudem Schüssel oder Gusenbauer einen allfälligen Diskussionserfolg so konservieren, dass er am übernächsten Wochenende Menschen vom Sofa ins Wahllokal bringt?
4. Durch in Summe vermutlich über vier Millionen Österreicher, die mindestens eine TV-Debatte verfolgen, ergeben sich für den ÖVP- und SPÖ-Spitzenkandidaten natürlich trotzdem Chancen, Leute zu motivieren. Das gilt aber in erster Linie für selbst im Wahlkampf engagierte Parteimitarbeiter, Aktivisten, Verbündete usw. Entscheidender als die TV-Performance ist dafür die anschließende Vermarktung des vermeintlichen Siegers durch seine Partei.
5. Egal. Debatten aller Art sollen ja nicht der Maximierung von Stimmen dienen, sondern aus demokratiepolitischen Gründen erfolgen. Rechtfertigung für den Gesprächsmarathon ist die Chance, Kandidaten und ihre Standpunkte kennen zu lernen. Anderenfalls wäre eine Konfrontation von Schüssel, Gusenbauer & Co beim Schlammcatchen unterhaltsamer.
Immerhin erfährt man also in der TV-Diskussion Neues. Oder auch nicht. Nur theoretisch ist zu vermuten, dass in 13 Stunden mit sprechenden Politikern eine Politikvermittlung erfolgt. Längst sind alle Kandidaten medial übertrainiert und von der stereotypen Wiederholung eigener Slogans geschädigt.
Gusenbauer etwa erzählte Van der Bellen dass er eben in Salzburg eine Pensionistin getroffen habe, der das Geld für Heizkosten und Medikamente fehlt. Eine Woche davor hatte er für Westenthaler dieselbe Frau ebenso "eben" und allzu wortgleich in Vorarlberg getroffen. Wir haben deppensicher zu kapieren, dass der SPÖ die Pensionen ein Anliegen sind.
Schüssel konnte ein solcher Detailfehler bei den vorbereiteten Botschaften nur deshalb nicht passieren, weil er sich bisher vertreten ließ. Die Liste der TV-Diskussions-Mythen ist daher bis morgen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2006)