Vor dem TV-Duell

von Redaktion  |  19. September 2006, 19:05

Moderne Mythen um Konfrontationen im Fernsehen - eine Kolumne von Peter Filzmaier

Von David gegen Goliath bis zur Schießerei Wyatt Earps mit den Clantons sind Duelle mit Mythen behaftet. So auch TV-Diskussionen von Politikern. Morgen treffen sich Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer zum Shoot-out. Als moderne Mythen geistern herum:

1. Die TV-Diskussion entscheidet die Wahl. Angeblich wissen wir das, seit 1960 ein braun gebrannter Kennedy dem schwitzenden Nixon gegenüber saß. Der Haken ist nur, dass die Geschichte so nicht stimmt.Die Daten der Meinungsforschung belegten, dass Kennedys Auftritt von TV-Zuschauern höher bewertet wurde, während Radiohörer Nixon für gleich gut hielten. Ein Zusammenhang mit dem Wahlverhalten war nicht nachweisbar.

2. Wer war besser? Die Antwort darauf ist nichts als ein Gesellschaftsspiel. Man müsste fragen, ob jemand in 10 Tagen ÖVP oder SPÖ wählt, weil ihm Schüssel oder Gusenbauer in der TV-Diskussion gefallen hat.

Noch genauer wäre, ob irgendein Wähler das tut, der sicher für eine andere Partei gestimmt hätte. Nur dann beeinflusst die TV-Diskussion das Wahlergebnis. Sonst sind jene Millionen, die bereits über ihre Stimme entschieden haben, als Zielpublikum des Rededuells völlig uninteressant.

3. Wenn keine Anhänger der Gegenseite überzeugt werden, geht es also in der TV-Diskussion um Unentschlossene und eine Mobilisierung von Sympathisanten. Doch wird die Zahl der Meinungslosen überschätzt. Zu oft rechnen Umfragen da Nichtwähler und Antwortverweigerer mit.

Der Mobilisierungsfaktor ist in den US-Kongresswahlen mit einer Beteiligung von 35 Prozent wichtiger als in Österreich mit zuletzt über 80 Prozent tatsächlichen Wählern. Wie sollen zudem Schüssel oder Gusenbauer einen allfälligen Diskussionserfolg so konservieren, dass er am übernächsten Wochenende Menschen vom Sofa ins Wahllokal bringt?

4. Durch in Summe vermutlich über vier Millionen Österreicher, die mindestens eine TV-Debatte verfolgen, ergeben sich für den ÖVP- und SPÖ-Spitzenkandidaten natürlich trotzdem Chancen, Leute zu motivieren. Das gilt aber in erster Linie für selbst im Wahlkampf engagierte Parteimitarbeiter, Aktivisten, Verbündete usw. Entscheidender als die TV-Performance ist dafür die anschließende Vermarktung des vermeintlichen Siegers durch seine Partei.

5. Egal. Debatten aller Art sollen ja nicht der Maximierung von Stimmen dienen, sondern aus demokratiepolitischen Gründen erfolgen. Rechtfertigung für den Gesprächsmarathon ist die Chance, Kandidaten und ihre Standpunkte kennen zu lernen. Anderenfalls wäre eine Konfrontation von Schüssel, Gusenbauer & Co beim Schlammcatchen unterhaltsamer.

Immerhin erfährt man also in der TV-Diskussion Neues. Oder auch nicht. Nur theoretisch ist zu vermuten, dass in 13 Stunden mit sprechenden Politikern eine Politikvermittlung erfolgt. Längst sind alle Kandidaten medial übertrainiert und von der stereotypen Wiederholung eigener Slogans geschädigt.

Gusenbauer etwa erzählte Van der Bellen dass er eben in Salzburg eine Pensionistin getroffen habe, der das Geld für Heizkosten und Medikamente fehlt. Eine Woche davor hatte er für Westenthaler dieselbe Frau ebenso "eben" und allzu wortgleich in Vorarlberg getroffen. Wir haben deppensicher zu kapieren, dass der SPÖ die Pensionen ein Anliegen sind.

Schüssel konnte ein solcher Detailfehler bei den vorbereiteten Botschaften nur deshalb nicht passieren, weil er sich bisher vertreten ließ. Die Liste der TV-Diskussions-Mythen ist daher bis morgen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2006)

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20 Postings
Maria.k
20.09.2006 14:52
Langsam verstehe ich, warum sich Schüssel vor

diesen Konfrontationen drückt.

Die Wiederholungsgefahr ist offenbar zu groß. Wahrscheinlich ist es besser, wenn die Fakten ohne Rückgriff auf Einzelpersonen, aufgezeigt werden.
Massenarbeitslosigkeit, 1 Mio Menschen an der Armutsgrenze, Beschäftigungen, von denen eine alleinerzierhende Mutter mit ihrem Kind nicht leben kann und Steuergeschenke an die Großkonzerne.

Da spricht jemand von nicht mehr vollgefüllten Trögen. Nun, für Einkommensschwache gab es diese nie, aber es gab immerhin genug zum leben und die Pensionen deckten den Lebensunterhalt.

Damit konfrontiert zu werden erspart sich Schüssel, der den Auftrag zum Wohlfühlen gegeben hat.

Tuscany
20.09.2006 15:09

Diese Beschreibung - Massenarbeitslosigkeit ,..- passt vielleicht zu Deutschland nach 7 Jahren Rot-Grün. Es sagt ja niemand, dass alles perfekt ist, aber im Rahmen des Möglichen steht Österreich gut da. Stellen Sie sich vor, die SPÖ hätte nicht 30 Jahren das Sagen gehabt und wir könnten sofort alle Steuern nach dem Rasenmäherprinzip um fast 15% kürzen (soviel zahlen wir nämlich an Zinsen pro Jahr!!). Übrigens hätte man auch mit den 3,5 Mrd Karibik-EUR viel an Armut lindern können....

itavalda
21.09.2006 21:50

Wieso spricht die Staatsanwaltschaft von
1,5 Milliarden ?
Schaden. Könnt ihr Politfanatiker nicht mit den Fakten umgehen lernen .
Übrigens sind die verzockten Summen aus der andere Reichhäfte dank Mobikom , HAA , Hypo Steiermark auch schon in der Höhe dieser 1,5 Milliarden.
Auch nichtt so weit her mit der Wirtschaftskompetenz

Alter Störenfried
20.09.2006 15:25

ich finds immer wieder erstaunlich wie die regierungsbeteiligung der övp wegdiskutiert wird. die waren ja nie dabei und haben ja auch nie etwas zum sagen gehabt.

Ashley Camp 
20.09.2006 12:35
Gauckler und Rattenfänger

Die Konfrontationen haben im grellen Scheinwerferlicht aufgezeigt, dass von Strache und Westenthaler definitiv keine ernstzunehmende Politik erwartbar ist. Sie sind keine Politiker, sondern der eine - ein Rattenfänger und - der andere - ein Gauckler.

semispinaliscapitis 
20.09.2006 14:47

aber leider einen ernstzunehmenden rückhalt aus der bevölkerung

KeineAhnung
21.09.2006 10:58

Vielleicht doch nicht allzu ernst zu nehmen - die Wahlen werden es zeigen

Bigmouth
20.09.2006 11:19
Zumindest wissen seit Gusenbauer-Westenthaler

alle, aber wirklich alle, dass der Spitzenkandidat des BZÖ so einfältig ist, ohne irgendeine Überprüfung einen Brief als echt zu präsentieren, der offensichtlich ein Fake ist und in der Folge noch wider alle Vernunft darauf zu beharren, im Recht gewesen zu sein. Einen Schub hat der Wahlkampf des BZÖ durch die Enthüllung, dass der Spitzenkandidat ein außerordentlich schlichtes Gemüt ist, wohl nicht erhalten.

semispinaliscapitis 
21.09.2006 21:09

alle? wirklich alle?
...nur ein kleiner unbeugsamer rest von 15%, die es einfach nicht wahr haben wollen
bzw. die westi mit seiner masche genau anspricht.

ulli zeller
20.09.2006 00:18
gusenbauers frauen

(und auch männer) mit zahlungsschwierigkeiten gibt es ganz sicherlich sowohl in salzburg als auch in vorarlberg - so gesehen sicher nicht nur einstudierter text. aber zugegeben: er bringt es halt leider schlecht rüber.

Protagoras
20.09.2006 09:40

Solche Frauen gibt es sicher, ob sie Gusenbauer jedoch getroffen hat, bezweifle ich sehr stark. Ist mir zu platt, solche ans Herz gehende Geschichten zu erfinden. Einzelschicksale kann man immer herausgreifen, Politik für das (ganze) Volk ist das jedoch nicht.

Die Geldtröge sind nun mal nicht mehr prall gefüllt - egal welche Partei in der Regierung sitzt. Und der Kirtag, den man auf neuen Schulden feiert, wird wieder nur ein kurzer sein.

Mr. Karnickel
20.09.2006 08:20
stimmt

war aber blödeweiser in diesem fall zu auffällig. er hatte beide male die idente wortwahl. nur das einmal die arme chronisch kranke und frierende - weil heizkosten zu hoch - pensionistin aus vorarlberg kam und dann aus salzburg. da kommt man sich dann schon etwas "veräppelt" vor.

hans wurst 
19.09.2006 23:42
Schlammcatchen wär toll

zB zwischen Glawischnig und Thurnher.

Ansonsten: Leute die schon wissen was sie wählen, fühlen sich erst recht bestätigt (genau - gib's ihm!)

Und Unentschlossene entscheiden nicht nach der TV-Konfrontation, sondern in der Wahlurne (sowie ich selbst 2002)

hans wurst 
20.09.2006 08:36
spät war's schon

gemeint hab ich natürlich: in der Wahlkabine
:)

Maria.k
20.09.2006 14:54
Und Ihren Kopf unter den Schlamm. Und festhalten.

hans wurst 
20.09.2006 15:46
Was genau

ist ihr Problem?

KeineAhnung
21.09.2006 11:02

Ich glaub sie hat nicht "Ihren Kopf", sondern "ihren Kopf" gemeint

____
19.09.2006 23:56
___

an der wahlurne: nach einem zufallsalgorithmus?

yoghurtinator 
19.09.2006 23:54
Ich bin auch noch unentschlossen

aber doch noch guter Hoffnung, am Wahlsonntag noch nicht in irgendeiner Urne zu sein.

hans wurst 
20.09.2006 08:36
hehehe erwischt

aber es war auch schon spät, kann passieren :)

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