"Schuss ins eigene Knie"

19. Oktober 2006, 13:47
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Bwin-Aufsichtsrats- Chef Hannes Androsch im derStandard.at- Gespräch über die Haftbedingungen der Vorstände, "Schreber- garten-Mentalität" und Krisenmanagement

Der Aufsichtsratschef und größte Einzelaktionär des Wettanbieters sieht in der französischen Verhaftungsaktion der Bwin-Vorstände Manfred Bodner und Norbert Teufelberger durchaus auch Vorteile für das Unternehmen im Kampf gegen das Glücksspiel-Monopol, lobt die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Justizministerium und kann sich im Übrigen auch Susanne Riess-Passer als Bawag-Chefin durchaus vorstellen. Mit ihm sprach Sigrid Schamall.

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derStandard.at: Herr Androsch, Sie sprechen bei der allem Anschein nach willkürlichen Verhaftung der beiden bwin-Vorstände Manfred Bodner und Norbert Teufelberger von "Staatsterrorismus". Was genau meinen Sie damit?

Hannes Androsch: Die Verhaftung spielte sich in einer medienspektakulären Weise ab: Ohne Ankündigung, ohne vorherige Ladung zu einer Befragung wurden Bodner und Teufelberger vor laufenden Kameras bei der Pressekonferenz in Monte Carlo festgenommen - offensichtlich mit dem Ziel, die beiden einzuschüchtern und dem Unternehmen zu schaden. Das ist - gelinde gesagt - nicht mehr nur grenzwertig, sondern überschreitet die Grenzen des europäischen Menschenrechtsverständnisses. Die polizeilichen Haftbedingungen im Anschluss waren in meinen Augen Psychoterror.

derStandard.at: Wie sah ihr Kontakt zu Bodner und Teufelberger während deren Haft aus?

Androsch: Ich hatte nicht direkt, sondern über Dritte Kontakt: Zuerst über Frau Klein (Karin Klein, Unternehmenssprecherin von bwin, Anm.) und dann über den Anwalt. Durch den Einsatz einer Geheimdiensteinheit ist klar, dass es sich bei der Verhaftung um eine lang vorbereitete Inszenierung handelte. Ich sehe darin eine Intrige des französischen Innenministeriums, wohin diese Sondereinheit auch ressortierte, in Zusammenarbeit mit den Glücksspielanbietern, die um ihre monopolistischen Schrebergärten fürchten. Die Justiz wurde mehr oder minder vor vollendete Tatsachen gestellt.

derStandard.at: Bodner und Teufelberger wurden vergangenen Freitag Nachmittag in polizeilichen Gewahrsam genommen. Wie sahen die Haftbedingungen aus?

Androsch: Betonboden, Neon-Licht die ganze Nacht, bis die Anwälte eintrafen. Kein Essen, kein Wasser, unmögliche hygienische Bedingungen. Einzelzellen, was allerdings in dieser Justizanstalt einem gewissen Komfort entspricht, blieb ihnen doch dadurch die Vermischung mit den anderen Kriminalverdächtigen erspart. Der Europarat hat bereits vor einiger Zeit in einem Bericht die Verhältnisse in Frankreichs Gefängnissen, die westeuropäischen Standards in keinster Weise entsprechen, kritisiert.

derStandard.at: Werden die beiden Vorstände Klage einbringen?

Androsch: Es ist fraglich, ob hier ein Klagsgrund besteht. Ein UNO- Experte für "Torture and Human Rights" meinte dazu, der Vorfall in Frankreich sei grenzwertig, aber allein nicht hinreichend, um tätig zu werden.

derStandard.at: Wo befinden sich Bodner und Teufelberger zur Zeit?

Androsch: Bei ihren Familien auf Malaga, die dort ihren Urlaub verbringen. Morgen werden sie wahrscheinlich nach Wien reisen. Am Donnerstag findet die bwin-Aufsichtsratssitzung ganz regulär statt. Im Anschluss werden beide an die Presse treten.

derStandard.at: Nach Sachsen und Hessen hat auch Bayern bwin die Vermittlung von Sportwetten per Internet verboten.

Androsch: Unsere Lizenz ist "water proof", sie ist rechtsgültig. Untersagt wurde uns die Ausübung. Rechtspolitisch ist das ein Witz, denn die Ausübung ist das Zubehör zu einer Lizenz. Ein Autoverkäufer kann auch nicht sagen: "Sie dürfen zwar ein Auto bei mir kaufen, aber es nicht starten."

derStandard.at: Nach dem Verbot in Sachsen haben Sie sich aus dem Projekt Jägerpark zurückgezogen. Haben Sie noch Interesse an einem Deutschland-Engagement?

Androsch: Solange das hier nicht geklärt ist, nicht.

derStandard.at: Die bwin-Aktie war seit Freitag Nachmittag bis heute Morgen vom Handel an der Wiener Börse ausgesetzt. Pessimisten befürchteten bei der Wiederaufnahme einen Absturz um bis zu 40 Prozent. Sehen sie das Papier nachhaltig beschädigt?

Androsch: Nein. Es ist ganz erstaunlich, wie sich der Kurs unter diesen wahrlich turbulenten Umständen gehalten hat. Jeder, der den Kurs in den letzten Monaten runter redete, hat massiv unrecht. Das normale Geschäft läuft mehr als zufriedenstellend: Im Zuge der WM haben wir mehr als 600.000 Neukunden gewonnen. Das heißt, wir sind weiterhin gut unterwegs.

derStandard.at: Wie lange wird sich das Monopol bei Glücksspielen im Internet noch halten können?

Androsch: Das Monopol ist jetzt schon nicht mehr erlaubt. Vor dem Sommer erhielt Deutschland schon vom EU-Wettbewerbskommissar einen entsprechenden Brief. Selbst das deutsche Kartellgericht hat dagegen entschieden.

Den Monopol-Unfug darf es nach EU-Vorstellung, nach Wettbewerbsrichtlinien oder Dienstleistungsdirektiven nicht mehr geben. Im Unterschied zu Frankreich haben die Strafgerichte in Deutschland eine Behandlung des Europarechts durchgehend abgelehnt. Was in einem Land, insbesondere in Großbritannien, möglich ist, muss auch in anderen Ländern zulässig sein. Vorschläge für eine vernünftige Regelung, z.B. bei der allfälligen Besteuerung, haben wir schon längst eingebracht, sie wurden allerdings von den Monopolisten nicht aufgegriffen, während die Engländer inzwischen ein gutes Fiskalgeschäft machen.

derStandard.at: Auf der Website des Monopolisten Française des Jeux wird im Kleingedruckten vor Spielsucht gewarnt und Schutz der Minderheiten versprochen. Scheinheiligkeit?

Androsch: Ein Heuchlerargument. Die Schutzmaßnahmen bei uns sind viel weitergehend als bei den staatlichen Anbietern. Wir glauben, dass abgesehen von dem Unbill, den die beiden bwin-Vorstände über sich ergehen lassen mussten, die ganze Verhaftungsaktion für uns ein Vorteil und für die Franzosen ein Schuss ins eigene Knie gewesen sein wird.

derStandard.at: Sie sind heute größter Einzelaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender bei bwin. Warum haben Sie hier investiert?

Androsch: Ich wurde auf das Unternehmen aufmerksam gemacht, habe gesehen, dass es sich dabei um ein vernünftiges Geschäftsmodell handelt und letztlich hat mich der Vorstand überzeugt, nachdem seine Prognosen ein- und übertroffen wurden. In der Folge habe ich mehr investiert und war bereit, in den Aufsichtsrat zu gehen und den Vorsitz zu übernehmen, was sich - so glaube ich - jetzt in dem Krisenmanagement als nützlich erwiesen hat.

derStandard.at: Wie sah Ihr Krisenmanagement konkret aus?

Androsch: Zuallerst musste eine Haftverbesserung für Bodner und Teufelberger erwirkt werden, dann setzten wir alles daran, sie möglichst schnell frei zu bekommen, der "Spirit des Teams" musste aufrecht erhalten und französische Anwälte organisiert werden und so weiter.

derStandard.at: An Krisenerfahrung mangelt es Ihnen nicht.

Androsch: In solchen Situationen muss ein Aufsichtratsvorsitzender tätig werden. Und wenn er Krisenerfahrung von OPEC-Überfall bis Währungskrisen hat, ist das zumindest kein Nachteil. Auch die österreichischen Behörden haben hervorragend funktioniert: Am Freitag 16.30 Uhr informierte ich den Generalsekretär, dieser kontaktierte den Botschafter, der wiederum den Botschaftsrat und den Honorarkonsul in Monaco mobilisierte. Hervorragende Unterstützung gab es auch aus dem österreichischen Justizministerium.

derStandard.at: Beim Klavier-Hersteller Bösendorfer war kurzfristig auch Ihr Name als Interessent im Gespräch. Sie sagten damals, Sie wären nicht der "Retter der Nation". Die Bawag hat Sie nicht gereizt?

Androsch: Ich habe von allem Anfang an immer gesagt, dass die Schuhe hier bei Weitem zu groß und die finanziellen Muskeln zu schwach sind.

derStandard.at: Können Sie sich Wüstenrot-Chefin Susanne Riess- Passer im Bawag-Chefsessel vorstellen?

Androsch: Als Miteigentümerin sehr wohl. Die Bawag ist ein gutes Institut, sobald es von den Altlasten des Managements und der Eigentümer befreit ist. In Österreich ist das Interesse am Kauf der Bank gering, eine österreichische Mitwirkung, wie das im Angebot Wüstenrot/Generali der Fall ist, wäre sicher zu begrüßen.

derStandard.at: bwin sponsert den AC Monaco nach wie vor?

Androsch: Der AC Monaco beharrt darauf, dass er sich sponsern lässt mit dem Hinweis: "Ihr seid vielleicht Spaßvögel, ihr gebt uns kein Geld und die Sponsoren wollt ihr einsperren." Alles eine juristische Lachnummer, wenn es nicht so ernst wäre.

  • Ex-Finanzminister Hannes Androsch ist Aufsichtsratschef und größter Einzelaktionär bei bwin.
    foto: standard/cremer

    Ex-Finanzminister Hannes Androsch ist Aufsichtsratschef und größter Einzelaktionär bei bwin.

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