Seibersdorfer Reaktor wieder Druckmittel

10. Oktober 2006, 13:17
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Der längst abgeschal­tete Versuchsreaktor könnte wieder "gefährlich" werden. Denn mit den Kosten für die Endlagerung lässt sich die ausstiegswillige Industrie bezähmen

Wien - Die wiederholte Drohung namhafter Mitglieder des Industrie-Syndikats, aus dem Forschungszentrum Seibersdorf auszusteigen, wenn dieses nicht bald auf Vordermann gebracht wird, macht offenbar doch nervös. Bei Mehrheitseigentümer Infrastrukturministerium wälzt man neuerdings Krisenpläne.

Einer davon besteht darin, den vor Jahren stillgelegten Versuchsreaktor wieder zu aktivieren. Das natürlich nicht wissenschaftlich-technisch oder gar zur Energiegewinnung, sondern gesellschaftsrechtlich. Wie hohe Beamte im Infrastrukturministerium und Mitarbeiter der Austrian Research Centers (ARC) Seibersdorf gleich lautend berichten, soll das 2003 in die ARC-Tochter Nuclear Engineering Services (NES) ausgetöchterte Geschäft mit Reaktorrückbau und radioaktivem Spitals- und Industriemüll, wie alle anderen ARC-Töchter auch, in die Holding refusioniert werden.

Riegel

Das würde zwar nichts am operativen Geschäft der NES ändern, wäre aber ein idealer Riegel, mit dem man ausstiegswillige Konzerne wie Böhler-Uddeholm am Abgang hindern könnte. Dies deshalb, weil damit jene 25,44 Millionen Euro an Kapitalrücklagen schlagend würden, aus denen der Reaktor bilanztechnisch besteht. In der Bilanz heißt der Versuchsreaktor "Investitionszuschüsse inklusive Sonderinvest-Programm BMVIT" und besteht aus der Hardware, also Grund, Boden und Anlagen. Diese Rücklagen sind Eigenkapital der ARC, gehören aber dem Bund und sind bei einer allfälligen Auflösung der Gesellschaft nicht verflüssigbar. "Im Gegenteil, sie müssten allein von der Industrie aufgebracht werden, denn der Bund (und mit ihm das Umweltministerium) bleibt auch ohne ARC-GmbH Endlager für den längst abgebauten Reaktor", klärt ein Bilanzexperte im STANDARD-Gespräch auf.

Bleibt die NES eine eigenständige Tochter der ARC-GmbH, könnte die Industrie einfach aussteigen und das Schicksal von Österreichs größter außeruniversitärer Forschungseinrichtung dem Bund überlassen. Wird die NES in die neuerdings wieder zur Großforschungsanstalt umstrukturierte ARC-Gruppe zurückverschmolzen, wie maßgebliche Entscheidungsträger in ARC und Ministerium dies wollen, sollten die ausstiegswilligen unter den 40 Industriebetrieben in ihren Bilanzen gleich vorsorgen. Dann werden die 25,44 Mio. Euro nämlich fällig. Damit ist klar: Der längst vollzogene Ausstieg aus der Atomenergie hat für ARC-Gesellschafter noch immer ein hohes Drohpotenzial, obwohl die seinerzeit 1,45 Milliarden Schilling an Haftungen längst vom Tisch sind.

Nicht ohne Folgen blieb übrigens die Internetaktion "Pro-Forschung" mit ihren mittlerweile 951 Unterschriften: Initiator Peter A. Bruck wurde doch keiner Sonderbehandlung zugeführt, wie ARC-Sprecher Helmut Krünes ankündigte. Er bekam aber eine Verwarnung samt Eintrag im Personalakt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.9.2006)

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    Entsorgung radioaktiver Abfälle und die Pflege des abgeschalteten Versuchsreaktors in Seibersdorf bringen Geld, aber auch Druck auf die industriellen Miteigentümer.

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