Kopf des Tages: Shinzo Abe

2. Oktober 2006, 15:27
3 Postings

Ein Falke mit politischer DNA: Abe folgt Junichiro Koizumi als Japans Regierungschef nach

Gleich drei Gründe hat er dieser Tage zum Feiern: Shinzo Abe wird am Mittwoch Vorsitzender der seit Jahrzehnten einflussreichsten Partei Japans. Geburtstag feiert der Mann aus Nagano morgen, da wird er 52 Jahre alt. Weiterfeiern kann er Anfang nächster Woche, wenn ihn das Parlament auch noch zum Premierminister wählen wird.

Er ist "mit der politischen DNA seines Großvaters ausgestattet", erkennt ein Kommentator in Tokio Parallelen in der politischen Geschichte Japans. So konnte die Karriere des Shinzo Abe wohl nur in jenes höchste Amt des Staates führen, das auch sein Großvater Nobusuke Kishi von 1957 bis 1960 bekleidet hatte. "Von meinem Großvater habe ich gelernt, dass man Dinge durchziehen soll, von denen man überzeugt ist, und von meinem Vater, dass man vertrauensvolle Beziehungen schätzen muss."

Abes Vater Shintaro hatte es bis zum Außenminister geschafft, jedoch verhinderte ei-ne Krebserkrankung, dass auch er Ambitionen auf das Premiersamt verwirklichen konnte. Der Vater war es auch, der den Sohn überredete, seinen nach der Universität bei einem Stahlkonzern angetretenen ersten Job aufzugeben und bei ihm als politischer Referent einzusteigen. Das blieb er dann acht Jahre lang.

Einer breiten Öffentlichkeit war Shinzo Abe bis vor wenigen Jahren kaum bekannt. Das änderte sich schlagartig, als er sich ab 2000 zum Ankläger gegenüber Nordkorea machte, das einst Japaner verschleppt hatte, damit sie nordkoreani-sche Agenten schulen. Bei seinen Auftritten als Regierungssprecher an der Seite des bisherigen Amtsinhabers und Medienstars Junichiro Koizumi hörte man daher oft harsche Töne gegenüber dem suspekten Nachbarstaat.

Während des Wahlkampfes in den vergangenen Wochen hielt sich Shinzo Abe aber eher zurück. Er sei ein "Falke" und ein "Nationalist", kritisieren seine Gegner, die "vor gefährlichen Jahren" unter Abe warnen. "Er ist ein Stratege, pragmatisch und flexibel" urteilen andere. Unstrittig ist, dass er wirtschaftsliberal und wertkonservativ ist.

Bis zu seinem Aufstieg in die Machtelite Japans galt der Besitzer eines Dackels als ruhig und unauffällig. An der Seikei-Universität gehörte er zum Klub der Bogenschützen, tat sich aber nicht besonders hervor. Er las gern Novellen, hörte Carole King und heiratete später eine Industriellentochter.

Hilfreich könnten ihm im nächsten Frühjahr jene Ausdauer und Prinzipientreue sein, die man ihm nachsagt. Seiner Liberaldemokratischen Partei stehen mehrere Regionalwahlen bevor. Werden empfindliche Stimmenverluste wahr, könnte es ihn als Parteichef den Kopf kosten. Das wäre gewiss auch das unrühmliche vorzeitige Ende für den bislang jüngsten Premierminister Japans. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.