Phänomen Praktikumsmühle

3. August 2007, 15:34
18 Postings

Die Beschäftigungs­situation von PraktikantInnen in Deutschland ist noch prekärer als in Österreich - ein Kommentar der anderen von Stefan Rippler

Mein erstes Praktikum absolvierte ich mit 15 Jahren. In einem großen Verlag in München. Für vier Wochen in den schulischen Sommerferien. Ich verdiente 400 Euro. Vor allem aber sammelte ich viel Erfahrung, lernte, schnupperte Praxisluft und knüpfte Kontakte. Es gab eine verlagsinterne Praktikantenschulung. Das war vor sechs Jahren – als die (Praktikanten-)Welt in Deutschland noch in Ordnung war.

Betriebsinterne Praktikantenschulungen gibt es heute nur sehr selten. Mein erster Praktikumsgeber bietet so etwas heute nicht mehr an. Als Praktikant kann man leider oft nur noch hoffen, dass der Lerneffekt im Vordergrund steht. Nicht selten ersetzen Praktikanten Vollzeitkräfte – oft sogar zum Nulltarif, oder für einen Billiglohn, der nicht einmal die Lebenshaltungskosten deckt. Aber bevor man als arbeitsloser Akademiker auf der Straße steht, liegt man lieber noch mal seinen Eltern auf der Tasche oder quartiert sich bei Verwandten ein. Vielleicht bestehen Übernahmechancen auf einen befristeten Job, oder gar eine Festanstellung. Leider ist das oftmals nicht der Fall.

Der Markt gibt's

Die Unternehmen freuen sich über die Billiglöhner. Oder besser Nullöhner? Der Markt gibt’s her. Justitia nicht immer – nur wissen das leider die wenigsten Praktikanten in Deutschland (deren es laut verschiedenen Statistiken zwischen 400.000 und 800.000 gibt). Einige jedoch haben Unternehmen schon verklagt: War der Lernaspekt während des Praktikums nicht im Vordergrund und mussten Arbeiten erledigt werden, wie auch eine Vollzeitkraft sie erledigt, ist die Beschäftigung als unbezahlter oder geringfügig bezahlter Praktikant sittenwidrig. Lohnnachzahlung war die Folge. Aber das waren leider nur Einzelfälle.

Um die arbeitsrechtliche Situation von Praktikanten, die einer Grauzone ähnelt, zu verbessern, die Öffentlichkeit auf das Phänomen Praktikumsmühle aufmerksam zu machen, starteten einige Initiativen, z.B. zeichnet FairCompany faire Unternehmen mit Praktikumsgütesiegeln aus. Außerdem gibt es die Internetplattform planetpraktika.de und generation-praktikum.de mit aktuellen Zahlen, Berichten, Reaktionen sowie Tipps und Tricks für Praktikanten.

Problematik wird geleugnet

Die Politik hat sich mit dem Problem beschäftigt – mag aber nicht so richtig aus den Startlöchern kommen. Manche sogar verkennen die Generation Praktikum und leugnen die Problematik. Der Bildungsbericht 2006, herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, sieht die Lage in Deutschland weitgehend entspannt: “Für den weitaus größten Teil der Hochschulabsolventinnen und -absolventen gestaltet sich der Übergang vom Studium in den Arbeitsmarkt weitgehend friktionslos. Die Frage der beruflichen und fachlichen Flexibilität wird jedoch in vielen Fachrichtungen wichtiger werden.“

Dass die Arbeitslosenquote unter Akademikern in den letzten Jahren auf aktuell 4,8 Prozent gestiegen ist, beunruhigt nur wenige, meist nur die Akademiker selbst. Im Vorjahr haben in Deutschland über 250.000 Studenten ihr Studium abgeschlossen - mehr Akademiker als je zuvor drängen jetzt auf den Arbeitsmarkt.

Es muss also noch viel getan werden an der Praktikantenfront.

Zur Person:
Stefan Rippler ist Gründer von planetpraktika.de und generation-praktikum.de. Er hat in seiner Schulzeit mehrere Praktika absolviert und dabei am eigenen Leib erfahren mit welchen Chancen aber auch Problemen ein Praktikant konfrontiert wird. Derzeit studiert er Medien und Kommunikation an der Universität Augsburg.

Link:
Planetpraktika.de
Generation-Prakitkum.de
  • Stefan Rippler kennt die Probleme der "Generation Praktikum" aus eigener Erfahrung und engagiert sich deshalb für die Verbesserung der Situation von PraktikantInnen.

    Stefan Rippler kennt die Probleme der "Generation Praktikum" aus eigener Erfahrung und engagiert sich deshalb für die Verbesserung der Situation von PraktikantInnen.

Share if you care.