Balten sehen Tarngeschäft

5. Oktober 2006, 18:40
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Bei der Privatisierung der größten baltischen Energiegesellschaften tauchen bereits zum zweiten Mal österreichische Bewerber auf

Moskau - Das Misstrauen zwischen dem Baltikum und Russland dauert auch 15 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion an. Wirft Russland den Ostseestaaten Diskriminierung des großen russischen Bevölkerungsteils vor, reagieren die baltischen Länder mit einem Angstreflex auf neoimperialistische Tendenzen eines sich zunehmend autoritär gebärdenden Machtapparats in Moskau.

Besonders heikel ist die Öl- und Gasversorgung. Die Abhängigkeit des Baltikums vom großen Nachbarn Russland ist hier besonders groß. Die Balten fürchten nun eine wirtschaftliche Expansion Russlands auf ihr Territorium.

Am kommenden 5. Oktober soll der 38,62-Prozent-Staatsanteil am lettischen Pipeline-Betreiber Ventspils Nafta (VN) über die Börse in Riga um mindestens 105 Mio. Euro verkauft werden. Neben der polnischen PKN Orlen, der kasachischen Kasmunaigas und der russischen Rosneft ist auch das österreichische Investorenkonsortium Herbert Cordt, Martin Schlaff und Josef Taus an VN interessiert. In Riga gibt es nun Sorgen, dass hinter dem Österreich-Konsortium russisches Kapital stecken könnte. Das hat Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga erst kürzlich kundgetan.

Nun regt sich Widerstand in Lettland. Der stellvertretende Vorsitzende des parlamentarischen Anti-Korruptions-Komitees, Dainis Turlais, hat Interpol um die Durchleuchtung der Geschäftspraktiken der Österreicher ersucht. Diese wären beim Verkauf der bulgarischen Mobiltel und der serbischen Mobtel in korrupte Machenschaften verwickelt.

"Auktion verfehlt"

Die Österreicher, die die Auktion als "unzeitig" und "verfehlt" kritisieren, dürften VN trotzdem übernehmen. Cordt sagte der russischsprachigen Rigaer Tageszeitung Telegraf, man stehe vor der Übernahme des Ölkonzerns Ventbunkers und damit auch des größten Privateigentümers bei Ventspils Nafta, Latvijas Naftas Transits (LNT). Diese hält 49,3% an VN. Mit den meisten Eigentümern sei man sich praktisch einig. Mit zusätzlich zwei Prozent VN-Aktien von der Börse steige man zum Hauptaktionär auf.

Die russische Wirtschaftsnachrichtenagentur EBK daily gab jüngst die Einschätzung von russischen und lettischen Marktbeobachtern wider, derzufolge das Österreich-Konsortium VN auch nur für einen Weiterverkauf erwerben könne. Als möglicher Käufer wird die russische Ölgesellschaft Rosneft genannt, die durch die Zerschlagung des Yukos-Konzerns groß geworden ist. Auch Lukoil wird genannt. Beide wollen dazu nichts sagen.

Alarmrufe aus aus dem Baltikum gab es schon im Vorjahr. Für die an PKN Orlen versteigerte litauische Großraffinerie Mazeikiu Nafta hatte sich auch die österreichische Baltic Holding interessiert. An ihr hatte die Gasprom-Tochter Gasprombank 55 Prozent besessen. In der Holding vertreten waren auch der von Gasprom vor einigen Jahren demontierte, inzwischen wieder auferstandene Wahlösterreicher Jakow Goldowski sowie die österreichische Jurimex des in Wien ansässigen Unternehmers Robert Novikovski. Dieser soll sich übrigens laut einem Bawag-Aufsichtsratsbericht für einen Teil von Schlaffs Robert-Plazcek-Gruppe (Holzhandel) interessieren. Die Wiener Investmentbank Vienna Capital Partners (VCP) rund um den Mehrheitseigentümer Heinrich Pecina ist an VN hingegen nicht mehr interessiert: "Wir haben uns die Unterlagen angeschaut und sofort abgewunken", meinte er im Sommer.

Pecina ist aber überzeugt, dass "wir die ersten großen russischen Transaktionen im Westen noch in den nächsten zwölf Monaten sehen werden, auch in Österreich". In Russland gebe es bereits viele "sehr reiche Unternehmen – und die haben längst ihre Fühler in den Westen ausgestreckt."

Seit Sommer verstärkt Christoph Ulmer den Vorstand der in Wien ansässigen CE Oil&Gas Trading AG, einer Tochtergesellschaft der VCP AG. Gemeinsam mit Ex-Innenminister Ernst Strasser (VCP) sitzt Ulmer auch im Vorstand der österreichisch-russischen Freundschaftsgesellschaft. (Eduard Steiner, Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.9.2006)

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    Lettlands Präsidentin Vaira Vike-Freiberga (im Bild mit Kasachstans Nursultan Nasarbajew) vermutet hinter Konsortium von Schlaff & Co russische Geldgeber.

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