RZB-Chefanalyst: "Rezession in den USA sehr unwahrscheinlich"

4. Oktober 2006, 14:43
posten

Experten empfehlen Aktien in Euro-Zone, Japan und Emerging Markets überzugewichten

Wien - "Die Kapitalmärkte leben von Angst, Gier und Geiz - diesmal ist es das Angst-Szenario, das dominiert", sagte der Chefanalyst der Raiffeisen Zentralbank (RZB), Peter Brezinschek, bei einem Pressegespräch in Wien. Angesichts der rasanten Talfahrt am amerikanischen Immobilienmarkt gebe es zwar bereits Stimmen, die USA könnte in die Rezession rutschen. "Wir meinen aber, dass das übertrieben ist", so Brezinschek. "Allerdings sind die Zeiten ungebremsten Wachstums in den USA vorüber", räumte der Leiter der RZB-Aktienmarktanalyse, Helge Rechberger ein.

Dies sei so lange nicht bedrohlich, wie die US-Konjunktur auf eine "sanfte Landung" zusteuere. Und dafür gebe es eine Reihe von stabilisierenden Faktoren: die anhaltend gute Entwicklung der Unternehmensgewinne, den Arbeitsmarkt mit rund einer Million neuer Arbeitsplätze seit Jahresbeginn und Lohnsteigerungen von knapp vier Prozent sowie den sich abschwächenden Dollar.

Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums

Brezinschek rechnet mit einer Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums auf rund 2 Prozent in den nächsten drei Quartalen und in der Folge mit einer schrittweisen Erholung. Einem Abrutschen in die Rezession beuge die Geldpolitik der US-Notenbank vor, von der RZB-Chefanalyst keine weiteren Zinsanhebungen erwartet. "Vielmehr dürfte sie die Leitzinsen ab dem ersten Halbjahr 2007 als Reaktion auf die schwächere Konjunktur sukzessive senken - in den ersten beiden Quartalen von 5,75 auf 4,75 Prozent", erwartet Brezinschek.

Schlittern die USA in die Rezession, dann würde das als sehr robust eingeschätzte Wachstum der Unternehmensgewinne naturgemäß plötzlich stark in Frage gestellt werden. Mit einem Plus von 14,5 Prozent für das Gesamtjahr 2006 sind die Aussichten derzeit noch hervorragend. "Wir erwarten aber, dass man sich spätestens im Verlauf der Berichtssaison für das vierte Quartal 2006 zunehmend auf Gewinnenttäuschungen und folglich Gewinnrevisionen nach unten einstellen muss", so Rechberger. Die Bewertung der US-Aktienmärkte sei insgesamt "unverändert moderat".

Bei der Veranlagung ihrer Gelder konzentrieren sich die Investment-Spezialisten der RZB zunehmend auf die Euro-Zone, Japan und Emerging Markets, vor allem Osteuropa. Doch auch für Europa erwartet die RZB ein Nachlassen des Wachstumstrends. "Da spielt auch ein Anstieg der Inflation mit", sagte Brezinschek. Negativ wirke sich hier auch die deutsche Mehrwertsteuererhöhung zum Jahreswechsel aus.

Aktien statt Anleihen

Seit dem dritten Quartal 2006 setzt die RZB wieder stärker auf Aktien als auf Anleihen. Dafür sprächen die anhaltend günstige Aktienbewertung, die erwarteten Zinssenkungen in den USA sowie die weiterhin solide Gewinnentwicklung bei den Unternehmen. Den Anteil der Dividendenpapiere in den Portfolios hat die Bank von 50 auf 55 Prozent angehoben.

Nur 45 Prozent der zu veranlagenden Gelder fließen in Anleihen und alternative Investments. Im Gegensatz zum Vorquartal wird die empfohlene Laufzeit im festverzinslichen Bereich in den kommenden drei bis sechs Monaten signifikant erhöht. Die RZB-Strategen empfehlen eine Übergewichtung der Euro-Zone und der osteuropäischen Länder. Untergewichtet werden hingegen der US-Dollarbereich, Japan und Unternehmensanleihen.

In Europa versuche die Europäische Zentralbank (EZB) unterdessen, die Inflation mit noch zwei weiteren Zinserhöhungen in den Griff zu bekommen. "Die EZB hat klar signalisiert, dass sie die Zinsen am 1. Oktober und am 1. Dezember 2006 von 3 auf 3,5 Prozent anheben will und dass wir uns dann einem neutralen Niveau nähern", so Brezinschek. Für 2007 geht die RZB davon aus, dass die EZB ihren geldpolitischen Kurs überprüft, ehe sie im Herbst weitere Zinsschritte setzen könne.

Im weltweiten RZB-Portfolio finden sich in erster Linie Aktien aus den Sektoren Finanzen, Versorger und Pharma ebenso wie defensiver Konsum. Gemieden werden derzeit Titel der Sektoren Industrie, Grundstoffe und zyklischer Konsum, die naturgemäß stark an die konjunkturelle Entwicklung gekoppelt sind. (APA)

Share if you care.