Tibor Bárci: Alles nur erfunden

2. Oktober 2006, 12:22
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Dieser Text hat keinerlei Ähnlichkeit mit vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Ereignissen in Werbeagenturen

Der folgende Text hat keinerlei Ähnlichkeit mit vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Ereignissen in Werbeagenturen. Alle Personen sind frei erfunden.

1. Eine von Ihnen verfasste Headline wird vom Ihrem Kreativdirektor im Meeting als "super" bezeichnet und Sie haben das Gefühl, dass es sich lohnt zu leben.

2. In der Präsentation findet der Kunde die Headline "komplett bescheuert" und zögert nicht, Ihnen das ins Gesicht zu sagen. Sie finden den Kunden komplett bescheuert und zögern nicht, den Mund zu halten und es hinunterzuschlucken.

3. Sie ändern die Headline in der Folgewoche 35mal. Keine einzige gefällt Ihrem Kreativdirektor. Er kann es Ihnen aber nicht persönlich sagen, weil er bereits auf dem Weg in einen Kurzurlaub ist.

4. Der Kundenberater kehrt triumphierend vom Kundenmeeting zurück. Der Kunde hat endlich eine Headline genehmigt. Und zwar die erste, die "eigentlich so übel nicht ist".

5. Ihr Kreativdirektor (gerade vom Urlaub zurückgekehrt) findet den Kundenberater komplett bescheuert, vergisst es aber ihm zu sagen weil er Freitag in der Früh schon auf dem Weg in sein Golfwochenende ist.

6. Die Kampagne erscheint. Auf etat.at gibt es mehr als 30 höhnische Postings. Besonders die "komplett bescheuerte Headline" (also Ihre) wird durch den Kakao gezogen.

7. Der Kunde sagt im nächsten Meeting, die Vertriebszahlen würden nach oben zeigen. Er sei komplett "happy" wie er betont und fordert die Agentur auf, in Zukunft nicht so lang mit Headlines herumzufuhrwerken.

8. Der Kreativdirektor kommt übel gelaunt aus dem Golfwochenende. (Es war total verregnet.) Unter 4 Augen sagt er Ihnen, dass er sich Sorgen um Ihre Zukunft zu machen beginnt.

9. Am nächsten Morgen wird die gesamte Agentur vom Managing Direktor/CEO/Chairman informiert, dass der Kreativdirektor die Agentur mit sofortiger Wirkung verlassen habe und ein – "Namen absolut geheimhalten!" – deutscher Topkreativer in seine Fußstapfen tritt.

10. Drei Monate später wird Ihre Kampagne vom CCA mit einer Goldenen Venus bedacht. Kollegen posten anonym, dass sie es "schon damals" gewusst hätten, dass die Headline das "Zeug zum Sager hat". Einer postet anonym, dass die Headline bereits 1984 in Brasilien erschienen ist, nachzulesen in Lürzers Archiv vom soundsovielten soundso. Sie sehen nach und finden eine komplett andere Idee. Sie posten (nicht-anonym) zurück und werden jetzt erst recht verhöhnt.

11. Der deutsche Topkreativguru verlässt die Agentur 24 Stunden nach seinem Debüt. Sie werden Kreativdirektor, allerdings zum halben Salär des Gurus (was Sie erst 1 Jahr später erfahren werden).

12. Die Marktforscher präsentieren die "erste Welle" des Kampagnen-Trackings: Ihre Kampagne wird schwach erinnert, die Testpersonen können keine "Werbeinhalte" wiedergeben. Nur die Headline weist höhere Werte auf und wird (23 Nennungen) als "komplett bescheuert" empfunden. Sie bezweifeln laut die Marktforschung. Der Kunde bezweifelt leise Sie.

13. Der Kunde beschließt "sicherheitshalber" die seinerzeit abgeschossenen Headlines in einen Test zu schicken. Er stehe zwar "voll hinter der vielleicht ein wenig bescheuert wirkenden Headline" aber man könne "Gutes immer besser machen".

14. Eine total meschuggene Headline testet am Besten. "Mal was Neues" sagt der Kunde und der Kundenberater fügt hinzu "mal was wirklich Neues". Sie bezweifeln die Marktforschung nochmals laut. Der Kunde bezweifelt Sie. Ebenfalls laut. Er ist für den Relaunch.

15. Die Relaunch-Kampagne hat auf etat.at Fans als auch Neider. Tenor ist aber "mal was Neues". Nur ein Poster findet die Kampagne meschugge.

16. Beim Top-Spot geht die Kampagne total unter. Der Verkauf geht zurück. Der Kunde besteht auf die Rückkehr zur alten Headline. Und warum man sie eigentlich verlassen hätte? Ausser Ihnen kann sich niemand an den Grund erinnern. Der Verkauf floppt noch mehr.

17. Die Marktforscher belegen bald darauf, dass die Werbeinhalte nunmehr besten "gelernt" seien. Allerdings gäbe es ein Problem mit "Sympathiewerten". Sind es am Ende Ihre? Sie bezweifeln leise die Marktforschung.

18. Ein junger Texter Ihrer Agentur legt Ihnen 30 neue Lines auf den Tisch, die er über Nacht getextet hat. Sie haben allerdings keine Zeit sie zu lesen weil Sie bereits im Golfwochenende sind.

19. Das Wochenende wird verregnet sein.

Zur Person
Tibor Bárci ist Präsident des Creativ Club Austria und berät derzeit die Agenturgruppe Jung von Matt beim Aufbau eines Osteuropa-Netzwerkes.

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Hier machen sich Agenturchefs und Kreative Gedanken über die Werbung und die Welt.

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Creativ Club Austria

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