"...weil wir's verschissen haben"

Redaktion, 19. Oktober 2006 15:43

"Wir haben offenbar die letzten eineinhalb bis zwei Jahre durchgelogen" - Die umstrittene Rede von Premier Gyurcsany

Budapest/Wien - Eine Rede des ungarischen Regierungschefs Ferenc Gyurcsany vor einem internen Forum der ungarischen Sozialisten im Mai dieses Jahres sorgt in Ungarn für Wirbel. Ihm wird vorgeworfen, zugegeben zu haben, dass seine Regierung in den vergangenen Jahren "gelogen" habe. Demonstranten verlangten daraufhin in Protestkundgebungen am gestrigen Sonntagabend in Budapest die Abdankung des Premiers. Die Rede war kurz nach Amtsantritt der neuen sozialliberalen Regierung nach ihrer Wiederwahl im Frühjahr gehalten worden. Am 1. Oktober stehen in Ungarn Kommunalwahlen an.

Als Reaktion auf die Proteste stellte Gyurcsany am Montag den gesamten Text seiner Rede, in der es um die anstehenden Wirtschaftsreformen und die hohe Staatsverschuldung geht, auf seinen Weblog. Der veröffentlichte Text beruht auf dem Transkript einer Tonbandaufnahme. Im Folgenden einige Wortlautauszüge in einer APA-Übersetzung:

"Was wir im vergangenen Monat machen konnten, haben wir getan. Was wir in den Monaten davor heimlich machen konnten - so, dass nicht in den letzten Wochen des Wahlkampfes Papiere darüber an die Öffentlichkeit kommen, was wir planen - haben wir getan. Wir haben das Geheimnis bewacht, während wir unterdessen wussten und Ihr wusstet, dass wir uns, falls der Wahlsieg kommt, nachher sehr zusammennehmen und zu arbeiten anfangen müssen - dass wir noch nie solche Probleme hatten. Wir haben die politische Einheit seit vorigem Sommer bewahrt, und dahinter sozusagen die fachliche politische Einheit, wie noch nie in den vergangenen Jahren, vielleicht niemals. (...) Wir treiben uns gegenseitig in den Wahnsinn in manchen Punkten, dass wir die notwendige Menge Geld zusammenkratzen können.

(...)

Wir haben fast keine Wahl. Wir haben keine, weil wir's verschissen haben. Nicht ein bisschen, sondern sehr. In Europa hat man so eine Blödheit noch in keinem anderen Land gemacht, wie wir gemacht haben. Das kann man erklären. Wir haben offenbar die letzten eineinhalb-zwei Jahre durchgelogen. Es war ganz klar, dass nicht wahr ist, was wir sagen. Dass wir dermaßen jenseits der Möglichkeiten des Landes sind, wie wir es uns nie vorher von der gemeinsamen Regierung der Ungarischen Sozialistischen Partei und der Liberalen vorstellen konnten. Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können, außer jener, dass wir zum Schluss die Regierungsarbeit aus der Scheiße gefahren haben. Nichts. Wenn wir vor dem Land Rechenschaft ablegen müssen, was wir in den vier Jahren gemacht haben, was sagen wir dann? (...)

Kinder, wir sind nicht perfekt. Überhaupt nicht. Wir werden's auch nicht sein. Ich kann Euch nicht sagen, dass alles in Ordnung sein wird. Ich kann Euch nur sagen, was ich im vergangenen einen Jahr gesagt habe: Dass (wir tun werden), was wir ehrenhaft machen können, was wir fähig sind zu tun. Denn wir spielen keine Extra-Matches, weil wir unsere Energien nicht dafür verwenden, herumzuscheißen, es gibt keine eigenen Interessen, was unter uns sowieso die Öffentlichkeit nicht ertragen würde, weil es nicht irgendwas ist, was ich mit Euch zu Wege bringen will.

(...)

Es ist keine Reform, dass die anderen sich ändern sollen. Es ist keine Reform, dass wir uns so rausstellen und dem Volk das Mantra vorsagen. Die Reform ist, dass wir bereit sind, es in einer ganzen Reihe von Bereichen anders zu bewerten, was wir bisher gedacht und getan haben. Im Vergleich zu dem ist die Aufgabe der ersten Monate, die Aufgabe der Korrekturen, nur ein simpler Zwang, das muss ich gestehen. Ihr irrt Euch, wenn Ihr denkt, dass Ihr die Wahl habt. Ihr habt sie nicht. Ich habe sie nicht. Heute besteht höchstens die Wahl, ob wir versuchen zu beeinflussen, was passiert, oder das ganze Zeug uns auf den Kopf fällt. Unsere Lösung ist sicher nicht vollkommen, Ihr habt Recht, sicher nicht - aber wir wissen keine bessere. (...)

Aber man muss nicht deswegen Politiker sein, weil man von dem so super leben kann. Weil wir schon vergessen haben, wie es ist, Autopolierer zu sein. Sondern deswegen, weil wir diese Sachen lösen wollen. (...) Wir müssen losgehen. Wir müssen wissen, was wir tun wollen. Die ersten paar Jahre werden furchtbar sein, sicher. Es ist völlig uninteressant, dass (nur) 20 Prozent der Bevölkerung für uns stimmen werden. (...) Was wäre mal, wenn wir nicht unsere Popularität verlieren, weil wir Arschlöcher zueinander sind, sondern weil wir große gesellschaftliche Dinge machen wollen? Und es ist auch kein Problem, wenn wir dann für einige Zeit unsere Popularität in der Gesellschaft verlieren. Wir werden's dann eben wieder zurückgewinnen. Weil sie es einmal verstehen werden." (APA)

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der Zacharias
20.09.2006 18:24
Eigenartige Übersetzung

Ist zwar sicherlich wörtlich korrekt übersetzt und auch grammatikalisch, aber nicht sinngemäß. Mir selber erschließt sich daraus keinerlei Aussage.

lingam nasrallah
 
19.09.2006 15:52
interessant, der text ist zwar richtig übersetzt,

geht aber vollkommen an dem vorbei, was gy. gesagt hat:

er meint, dass die linke der partei (hats nicht ausgesprochen) die reformen immer durch unendliche diskussionen und ausschüsse abschießt. er will nicht mehr kleine reförmchen, sondern das große ding durchziehen, dieses "weiterwurschteln" ist die lüge, das nichtstun; der große wurf (er sprichts zwar nicht aus, meint aber blairs neo-liberalen wahnsinn) ist aber das, wofür er bereitsteht. wenn die partei bei diesem großen ding nicht mitmachen will, dann soll sie einen anderen suchen.

dass er und seine rechts-rechten neocons ein "geheimnis" hatten ist ihre sache, die sozialisten wollen diese radikalen maßnahmen nicht und stehen dafür ein, was sie vor den wahlen sagten.

Ivan Bukov
19.09.2006 12:50

Also ich verstehe nicht warum hier randaliert wird. So eine Offenheit ist doch in Ordnung! Jetzt hat er den Rest der Periode Zeit zu zeigen dass sie doch was machen koennen. Irgendwie daemlich diese Leute. Waere es ihnen denn lieber er haette nichts gesagt?

John Cleese
19.09.2006 11:31
Dort...

...stürmen sie den regierungssitz um einen vollpoidl zu stürzen, HIER stürmen sie die wahllokale um IHN zu bestätigen.

aereo
19.09.2006 11:09
Super - Rede

Hab mich nicht völlig informiert, aber die Rede klingt doch so offen und ehrlich wie man es sich nur wünschen kann. Sicher der Inhalt mag frustrieren, aber ich meine: So einen Poli könnten wir auch brauchen.

Angela Channing
19.09.2006 10:38

gyurcsán und schüssel sollten vielleicht mal gemeinsam frühstücken gehen ...
da täten sich synergien auf ...
;-)

franz winterleitner
19.09.2006 10:02
...

..kann bei uns nicht passieren, denn " DER" schweigt ja zu allem .

Michael Bakunin
19.09.2006 10:01

eigentlich hat er nur das dilemma jeder demokratie im kapitalismus angesprochen. gut, dass das einmal jemand so offen ausspricht.
nur leider zieht er die falschen konsequenzen: anstatt die demokratie immer mehr an die profitsucht des kapitalismus anzupassen und damit das volk auszusaugen wo es nur geht, müste man sich ernsthafte überlegungen zu menschlichen alternativen zum kapitalismus machen.
den kapitalismus abschaffen!

Der Neisseer
19.09.2006 10:06
Menschlich oder menschengerecht?

So einfach ist das leider nicht. Denn: Was ist der Mensch? Was dient seiner Entfaltung, also seinem Gut? Darüber gehen die Auffassungen gravierend auseinander.

Michael Bakunin
19.09.2006 10:10

jedenfalls ist profitmaximierung einer minderheit auf kosten der großen mehrheit sicher nicht menschengerecht und schon gar nicht menschlich.

Paprika
19.09.2006 09:46
demokratie2

Um ihm demokratisch abzuwählen bedarf es aber 2/3 mehrheit...............leider.........es gibt wirklich kein andere Möglichkeit, sie werden es sehen.....

Paprika
19.09.2006 09:44
Demokratie

Demokratie heisst in Ungarn : entw. ihr tänzt, wie ich will "oder ihr könnt getrost das Land verlassen."(Zitat, gyurcsany)

esk
19.09.2006 11:26
Was mich hier interessieren würde:

Was war der ursprüngliche Zusammenhang dieses Zitates?

Ibsen
22.09.2006 18:17
Der ursprüngliche Zusammenhang dieses Zitates:

Das Zitat lautet richtig so:
"Man kann aus Ungarn weggehen, man kann uns verlassen. Bitte. Man kann weggehen. Wir bleiben dann da mit den vielen Pensionisten"

Es gab eine Besprechung mit den Arbeitgebern das war Gyurcsánys Antwort an Gábor Széles (reicher ungarischer Großunternehmer), der das Beipiel von Slowakei erwähnt hat, dass man dort nur 19% Gesellschaftssteuer bezahlen muss.

http://www.ma.hu/page/cikk... 0/149716/1

Paprika
19.09.2006 13:21
weiters

Die ganze Wahl war ein Betrug und so offensichtlich.Er spielt ein falsches Spiel!!Er nimmt Geld von dem Ärmsten und Bedürftigsten weg!!!Könntet ihr bitte als Rentner(mit jede Menge Wehwehchen) nach 40-50 Jahren harte Arbeit aus 200-150 Euro im Monat leben ????Und glaubt bloß nicht, daß das Leben in Ungarn viel billiger wäre.Ganz im Gegenteil!!Sei bloß nicht krank in Ungarn, als Ungar!!!Du mußt Visitgebühr bezahlen, Tagesgelder, etc....Wenigstens hatten bis jetzt die Rentner frei Fahrt in Öffis........auch weg....Es ist wirklich zum heulen, was da alles abläuft, und sie kämpfen immer noch!

Ibsen
22.09.2006 17:34
Nein, es ist nicht wahr!

Es waren sowohl im April dieses Jahres als auch vor 4 Jahren DEMOKRATISCHE WAHLEN OHNE BETRUG!!!!!!!!!!!!!

Wann kapieren Sie es endlich?

Sie, liebe Bernadett, belügen sogar sich selbst damit.

Was Sie hier behaupten, sagt(e) nur Viktor Orbán (und Fidesz) weil er nicht damit leben kann, dass er die Wahlen schon 2 Mal verloren haben!

Paprika
19.09.2006 13:16
An esk

Wenn ich mich recht erinnern kann, ging es úm Folgendes: er sagt: uns kostet ein Medizinstudent 20 Millionen Forint, ergo, wenn er aufhört mit dem Studium und arbeiten anfängt (reichliche Überstunden und Unterbezahlung) dann muß er es gänzlich zurückzahlen.Es ist morbid!!!Gyurcsany ist ein Abzocker.Ihr musst wissen, daß er durch den damaligen Kommunistischen Regime eine, wenn nicht den Reichsten Mann in Ungarn geworden!!!Milliarden hat er!!!!Er war ein Niemand in der Uni, aber er hat sich schon damals durch Abschreckung stark gemacht.Jemand, wie Bush(sorry für Vergleich)der machtgierig über Leichen geht,mit seinem (ja echt)teils amerikanischen Beratungsteam das Volk das Leben eine Hölle auf Erden macht!

Ibsen
22.09.2006 18:28
Sie erinner sich eindeutig falsch...

...was den ursprünglichen Zusammenhang dieses Zitates betrifft.

Das hat Ferenc Gyurcsány bei einer Besprechung einem reichen ungarischen Großunternehmer namens Gábor Széles gesagt, als er beklagt hat, dass - gegenüber Ungarn - in der Slowakei nur 19% Gesellschaftssteuer bezahlt werden muss.

Das Zitat lautet richtig so:
"Man kann aus Ungarn weggehen, man kann uns verlassen. Bitte, man kann weggehen und wir bleiben dann hier mit den vielen Pensionisten."

http://www.ma.hu/page/cikk... 0/149716/1

Ibsen
22.09.2006 17:50
OhGott OhGott OhGott...

Ich möchte Sie an eine vor kurzem aufgetauchte Filmaufname erinnern: Der noch junge Viktor Orbán sagte 1989 über Ferenc Gyurcsány:

"Akit komolyan kell venni, ha tárgyal az ember, mert az próbára teszi a képességeit, az a Gyurcsány nevu ember, az összes többi az komolytalan"

"Wen man ernst nehmen muss, wenn man Gespräche führt, weil er seine Fähigkeiten auf die Probe stellt, ist der Mann namens Gyurcsány, alle anderen sind nicht ernst zu nehmen."

http://images.nol.hu/files/Orb... _0202.mpeg
http://nol.hu/cikk/396531/

Der Neisseer
19.09.2006 09:26
Das Dilemma

Für mich offenbart sich hier das Dilemma aller europäischen Demokratien: Das jahrzehntelange poupulistische Dogma von Wohlstandsvermehrung und Sozialstaat hat gesellschaftspolitische Eckpfeiler ausgehöhlt, die nun eine Politik erzwingen, die man als "Wende" bezeichnen muß: Erstmals werden alle erleben (müssen), daß der Wohlstand zurückgehen wird, es bestenfalls um den schonendsten Weg geht.

Tatsächlich aber sehe ich die Politik überall an die Wand gespielt, von den Fakten so unter Druck gesetzt, daß allen Parteien keine andere Wahl mehr bleibt.

Wie aber verkauft man das in einer Demokratie? Innerhalb der paar Jahre Legislaturperiode, die man Zeit hat.

Das fordert zur Wahllüge nahezu heraus.

Heiner Hanenkamp
19.09.2006 19:46

Die kleine, aber notwendige Ergänzung: Der Wohlstand geht keineswegs für alle zurück, sondern nur für welche, während er für bestimmte Schichten steigt, nicht zuletzt aufgrund diverser Steuererleicherungen auf Vermögenswerte. Der Wohlstand sinkt indessen für die, die nicht über Vermögen verfügen und von Löhnen leben müssen, speziell in den niedrigeren Lohngruppen.

Z. B. Deutschland: Trotz nurmehr noch mediokrem Wachstums, verglichen mit den Nachkriegsjahren, hat sich das Sozialprodukt seit 1973 ungefähr verdoppelt, und auch Wachstumraten von unter 2% bedeuten immer noch ein steigendes Sozialprodukt. Trotzdem wird unverdrossen behauptet, es wäre leider nicht mehr genug da. Und zwar am lautesten von denen, die selber prächtig profitieren.

Heiner Hanenkamp
19.09.2006 19:55

In Ungarn liegt die Sache etwas anders: Noch vor Jahren zählte das Land zu den Billiglohnländern. Mittlerweile sind die Löhne etwas gestiegen. Und das bedeutet unter den Bedingungen der Globalisierung: Die Firmen, die Investoren verlagern nach dorthin, wo die Löhne noch ein bisschen billiger sind und die Renditen höher, also nach Asien oder noch ein bisschen weiter ostwärts.

Dazu kommt das Maastricher "Stabilitätskriterium" von 3%, dass Ungarn einhalten muss, wenn es in einigen Jahren den Euro einführen will.

Was allerdings unaufhaltsam fallende Löhne und Gehälter für die Massenkaufkraft und den Binnenmarkt und also für den Mittelstand heißen werden, darüber darf sich jeder selbst Gedanken machen.

Adolf Isaac
 
19.09.2006 09:25
WEIHNACHTEN

Leopold Figel:
Ich kann euch NICHTS schenken
aber das schenke ich euch gern

Adolf Isaac
 
19.09.2006 12:07
FIGL nicht Feigl

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