Wikipedia-Mitbegründer bereitet "professionelle" Abspaltung vor

1. Oktober 2006, 10:03
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"Citizendium" soll vor allem AkademikerInnen anziehen und "Trolle" vor der Tür lassen - Larry Sanger kritisiert die "Amateurausrichtung" der Wikipedia

So erfolgreich die Online-Wissensenzyklopädie Wikipedia ist, so oft steht sie auch in der Kritik: Hauptvorwurf dabei ist immer wieder, dass die Qualität einzelner Artikel stark variiert, während viele Beiträge mit denen herkömmlicher Lexika durchaus mithalten - oder sogar übertreffen - können, seien manche schlicht falsch, so die KritikerInnen.

Kritik

Einer der lautstärksten Kritiker ist dabei der Wikipedia-Mitgründer Larry Sanger: Seiner Meinung nach ist die "Amateurausrichtung" des Projekts - die sich durch den weitgehend offenen Zugang zur Mitarbeit ergebe - das Hauptproblem. Zwar gebe es eine Vielzahl an durchaus guten Artikeln in der freien Wissenssammlung, "politische" Probleme im Projekt selber würden allerdings eine weitere Verbesserungen der Qualität verhindern.

Citizendium

Statt sich weiter mit anderen Wikipedia-MitarbeiterInnen zu streiten, hat Sanger nun angekündigt, ein eigenes Projekt aufzuziehen, dies berichtet heise online. "Citizendium" soll all das werden, was seiner Meinung nach bei Wikipedia fehlt: eine professionelle Wissenssammlung, die klassische Redaktionsprozesse zum Einsatz bringt, und vor allem AkademikerInnen anlocken soll.

Regeln

Dem Problem der Editierungs-Flamewars, wie sie vor allem bei zeitpolitischen Themen auf Wikipedia immer wieder vorkommen, versucht man mit einem eigenen Regelwerk beizukommen: So soll eine "Verantwortungskultur" etabliert werden, in dem die Möglichkeit von anonymen Beiträgen abgeschafft wird: AutorInnen sollen dazu verpflichtet werden, neben einer funktionstüchtigen Mail-Adresse auch ihren echten Namen anzugeben.

AufpasserInnen

Im Fall von Streitigkeiten zwischen mehreren Mitwirkenden soll ein Redaktionsteam die Entscheidung über die enthaltene Variante treffen und so den Zwist beilegen. Wer Redakteur oder Redakteurin werden kann, darüber bestimmt die jeweilige Qualifikation, Details zu den konkreten Anforderungen nennt Sanger allerdings noch keine. Außerdem soll es noch eine Art von "AufpasserInnen" für Citizendium geben, die auf die Einhaltung der Regeln achten.

Start

Eine erste Beta-Version von Citizendium soll bereits Ende September zur Verfügung stehen. Dabei will man nicht von Grund auf neu beginnen, sondern einen aktuellen Stand der Wikipedia übernehmen und nach und nach "verbessern". Weitere Sprachvarianten sollen dann in den nächsten Monaten folgen - so zumindest der Plan des Projekts.

Vorgeschichte

Bleibt abzuwarten, ob Citizendium sich als Erfolg erweisen wird, immerhin ist man mit einer ExpertInnen-Wikipedia schon einmal gescheitert: Die Nupedia war ursprünglich zeitgleich mit der Wikipedia an den Start gegangen und als hochqualitative Wissens-Enzyklopädie geplant. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass die Wikipedia - die laut Sanger eigentlich mehr "zum Spaß" betrieben wurde - wesentlich erfolgreicher funktionierte. 2003 kam dann das endgültige Aus für die Nupedia - wohl auch "dank" des äußerst umständlichen Überprüfungsprozesses für einzelne Artikel. (red)

Link

Citizendium

Wikipedia

Nachlese

Eine Britannica habe ich nie besessen" - Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia im Interview über Youtube, Bürger- Journalismus, den "100 Dollar Laptop" und Angelina Jolie

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    montage: redaktion
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